Anatoli P.* saß mit einer Wollmütze auf dem Bett, trug Windeln, wirkte orientierungslos und dement. Der 70-Jährige konnte sich nur mühsam mit dem Rollator in der Wohnung bewegen. Er sprach auf Russisch zu den Mitarbeitern des Sozialamtes, ein Dolmetscher musste alles übersetzen. Die Pflegeleistungen für den Mann seien gerechtfertigt, protokollierten die Kontrolleure bei ihrem Hausbesuch.
Doch es gab noch ein völlig anderes Leben des Rentners, der aus der Ukraine stammt. Er war mobil, erledigte die Einkäufe mit dem Fahrrad, war politisch aktiv und hielt öffentliche Reden - in fließendem Deutsch. Das ihm verordnete Inkontinenzmaterial nutzte er für seinen Hund, wenn dieser bei ihm im Bett schlief. Zuguterletzt besaß P. noch eine Zulassung als Arzt.
"Er hat seine Leiden perfekt geschauspielert", berichtet eine Sozialamtsmitarbeiterin, die anonym bleiben möchte. Aufgeflogen war der Schwindel, als sie nach einem Verdacht zusammen mit Polizisten unangemeldet vor der Tür des "Kranken" stand. Nach weiteren Ermittlungen stand fest, dass der Pflegedienst den Betrug inszeniert hatte. Die Inhaberin, eine gebürtige Russin, teilte sich mit dem Kunden über vier Jahre die Zahlungen der Pflegekasse - Schaden: 70000 Euro.
Am Donnerstag stellte Mittes Sozialstadtrat Stephan von Dassel einen Bericht vor, aus dem hervorgeht, wie seine Behörde bei der Abrechnung von Pflegeleistungen betrogen wurde. Im Mittelpunkt stehen ambulante Dienste in russischer Hand. "Bei 80 Prozent dieser Anbieter fanden wir handfeste Belege für unseriöses Arbeiten", sagt der Grünen-Politiker. Pflegebetrug funktioniere gut in abgeschotteten Kreisen von Migranten.
Im Bezirksamt stieß man bereits vor Jahren auf Unregelmäßigkeiten in der Statistik. So waren Bürger mit russischem Pass sieben Mal pflegebedürftiger, allerdings auch knapp zehn Jahre jünger als der Durchschnitt der Mitte-Bewohner. "Wir haben uns gefragt, ob man in Russland so hart gearbeitet hat", sagt der Stadtrat. "Es gab große Anreize, genauer hinzuschauen."
Dabei nimmt die Zahl der Pflegedienste in Mitte seit Jahren zu: 300 sind derzeit gemeldet, ein Drittel wird von russischen Einwanderern betrieben. "Das ist ein riesiger Markt, da geht viel Geld durch den Schornstein", sagt von Dassel. 220 Millionen werden nach seinen Angaben für Pflegeleistungen in der Hauptstadt gezahlt.Er schätzt den jährlichen Schaden durch Pflegebetrug auf 50 Millionen Euro.
Ein professionelles Schauspiel erlebten die Kontrolleure des Sozialamts auch in einem weiteren Fall. In einer Wohnung am Vinetaplatz begutachteten die Behördenmitarbeiter einen 59-Jährigen, der im Bett lag und kaum ansprechbar war. Die Pflegedienstleiterin berichtete, der Mann sei früher Alkoholiker gewesen, Diagnose: Korsakow-Syndrom. Doch auch dieser Fall erschien bald in völlig anderem Licht. Der Mann wurde nie bei einem Treff anonymer Alkoholiker gesehen. Stattdessen erhielt er spätabends Damenbesuch. "Als wir noch mal bei ihm klingelten, stand er plötzlich fit an der Tür, zwei Hunde an der Hand", erzählt die Kontrolleurin.
Ebenso konnten sie eine 74-Jährige als Betrügerin entlarven. Die in St. Petersburg geborene Seniorin wurde von einem Pflegedienst als "orientierungslos und kraftlos" beschrieben, später wurde sie beobachtet, wie sie mit Einkaufstaschen durch die Straßen eilte und gar auf Kreuzfahrt ging. Noch dreister erscheint der Fall eines angeblich Pflegebedürftigen, der unter steifen Gelenken und starken Schmerzen litt. Per Zufall erkannten die Mitarbeiter den Mann in einem Youtube-Video wieder: Er trat gleich in drei Rollen für das "Kabarett Odessa" auf, Premiere war kürzlich in der Jüdischen Gemeinde.
Angesichts des ausufernden Pflegebetrugs fordert von Dassel den Senat zum Handeln auf. So lagen Anfang des Jahres bei der Staatsanwaltschaft Berlin 223 Anzeigen gegen insgesamt 154 Pflegedienste vor. Doch in mehr als der Hälfte der Anzeigen kommt es nicht zur Verurteilung. "Das ganze Abrechnungssystem ist eben sehr manipulationsanfällig", sagt ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft.
Nach Auffassung Grünen-Politikers von Dassel sollten Behörden besser vernetzt sowie unseriöse Anbieter vom Markt ausgeschlossen werden. Auch die Rolle der Ärzte, die in einem "dubiosen Konglomerat" die Diagnosen verfassen, müsste untersucht werden, meint er.
Für das Bezirksamt in Mitte haben sich die intensiven Kontrollen bereits ausgezahlt. Nach Millionendefiziten vor einigen Jahren im Etat für ambulante Pflegehilfen stand dort 2014 ein Plus von 6,1 Millionen Euro. Von Dassel würde die bezirkliche Ermittlungsarbeit noch auf weitere Bereiche ausdehnen, doch dafür fehlt das Personal. Dennoch kündigt er an: "Wir sind gerade erst in Fahrt gekommen."