Ein wenig unsicher auf den Beinen stakst der kleine Wisentbulle Tian im Berliner Tierpark noch herum. Aber das wird schon. Tian, geboren am 12. Dezember, hat eine Perspektive, die für Zootiere selten ist: Er könnte später einmal im Kaukasus herumwandern - ohne Zäune.
Bulle Beppo, der vor zwei Jahren im Berliner Zoo zur Welt kam, lebt seit November bereits im Norden Aserbaidschans. Dank solcher Auswilderungsprogramme in Kooperation mit Zoos nehmen europäische Wisente eine ungewöhnlich positive Entwicklung. Sie rutschten auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) nun eine Stufe nach unten - und gelten damit als weniger bedroht.

Wisent im Kaukasus ausgerottet

Vor rund 100 Jahren hätte das kaum ein Wisent-Freund für möglich gehalten. 1927 galt die Art nach dem Abschuss des letzten Bullen im Kaukasus als ausgerottet.
Wären da nicht ein paar Zoodirektoren und Privathalter gewesen, die vier Jahre zuvor in Berlin die Gesellschaft zur Erhaltung der Wisente gegründet hatten. Als Vorläufer der späteren europäischen Erhaltungszuchtprogramme begannen sie, die Tiere in menschlicher Obhut zu züchten.
Bereits seit den 1950er Jahren werden Wisente aus Zoos wieder ausgewildert. Waschechte Berliner leben heute zum Beispiel in Rumänien. In Aserbaidschan sollen sie ab dem Frühjahr im rund 130 000 Hektar großen Nationalpark Shahdag frei herumwandern. Noch sind sie in einem großen Gehege und üben, mit der Natur klarzukommen.

Auswilderung mit zwei Jahren

Auch Tians Mutter Oria sollte ursprünglich mit nach Aserbaidschan. Doch da sie trächtig war, reiste Bulle Beppo mit Artgenossen aus anderen europäischen Zoos erst einmal allein gen Osten. Tian könnte ihm folgen, wenn er zwei Jahre alt ist, sagt Florian Sicks, Kurator im Tierpark. „Da spricht bisher nichts dagegen.“ Auch für Oria, die in Berlin ihr erstes Junges bekam, gibt es gute Chancen. Die endgültige Entscheidung hängt nach Angaben des Tierparks aber von vielen Faktoren in den Auswilderungsprogrammen ab.
Wuchtige Schädel und muskulöse Vorderkörper - Wisente sind auch in Zoos wilde Tiere geblieben. Mit einer gemütlichen Hausrind-Herde haben sie wenig gemeinsam. Die Absperrungen um das Gehege müssten sehr stabil sein, berichtet Sicks - und die Tierpfleger achtsam.

Schwere, nicht ungefährliche Kolosse

Rund 800 Kilo können ausgewachsene Bullen auf die Waage bringen, fast 1,90 Meter groß und drei Meter lang werden. Es sind die größten europäischen Landsäugetiere - und durchaus kampfeslustig, wenn es um die Rangordnung in der Herde geht.
„Dass ein ehemals ausgerottetes Tier von der hohen Gefährdungsstufe wieder herunterkommt, das ist eine Ausnahme“, sagt Sicks. Nach IUCN-Angaben haben sich Wisente von 1800 Tieren im Jahr 2003 auf mehr als 6200 in freier Wildbahn vermehrt. Geht das so positiv weiter, könnten sie in naher Zukunft keine gefährdete Art mehr sein.
Die größten Bestände gibt es nach IUCN-Angaben heute in Polen, Weißrussland und Russland. Auch Deutschland hat ein kleines Ansiedlungsprojekt im Rothaargebirge laufen. Aktuell würden in ganz Europa 47 große Herden beobachtet, heißt es bei IUCN. Dazu tragen einige Tiere Sender. Ein Problem bleibt aber der kleine Gen-Pool - und die weite Streuung der Tiere, oft ohne Begegnungsmöglichkeit.
So muss der Mensch weiter nachhelfen, um durch Zuchtbücher und mit gezielten Tiertransporten in die einzelnen Wisent-Regionen für ausreichend genetische Vielfalt zu sorgen. Zufüttern muss im Winter auch in der Natur manchmal sein - bis es ausreichend Weideland für die wilden Herden gibt, ohne Konkurrenz zur Hausviehhaltung.

Neue Heimat muss strukturiert werden

„Bis das regional alles wieder zusammenwächst, dauert es noch Jahrzehnte“, sagt Sicks. In Aserbaidschan lebten nun rund 20 Tiere aus zahlreichen Zoos. Wisente sind aber keine Karnickel - sie vermehren sich sehr langsam. Auch in Berlin gibt es nicht jedes Jahr ein Jungtier. Dafür eine lange Tradition - schon seit 1872 zählen Wisente im Zoo zum Bestand, seit 1955 auch im damals neu eröffneten Tierpark. Mehr als 200 dieser Wildrinder sind in Berlin zur Welt gekommen.
Auch Regionen wie der Kaukasus profitieren von der Wiederansiedlung. „Durch ihren großen Nahrungsbedarf üben Wisente einen beachtlichen Einfluss auf die Vegetation aus“, erläutert Aurel Heidelberg, Experte für den WWF. „Dank ihnen entstehen im Wald offene Flächen und damit Lichtungen und Sonneneinstrahlung bis zum Boden.“ Dies unterstütze die Strukturierung der Bergwälder mit Nischen für viele andere Tier- und Pflanzenarten. Das Auswilderungsprojekt ist eine gemeinsame Initiative des aserbaidschanischen Umweltministeriums, des WWF und des europäischen Verbands der Zoos.