Es passt ihnen eigentlich gar nichts mehr. Dieses ganze System, dass das Recht des Menschen auf Wohnen in den Händen einiger Vermögender liegt: Abschaffen! "Wir wollen die Vergesellschaftung von Wohnraum", rufen die Veranstalter der Demonstration vom Aktionsbündnis "Wir bleiben alle" zu Beginn der Proteste aus. Ein paar Minuten später fällt das endgültige Urteil: "Scheiß-Kapitalismus!" Mit Transparenten wie "Wird die Straße bezahlbar bleiben?" oder "Wir bleiben Innenstadt" ziehen sie durch Kreuzberg. Die Polizei spricht von 1000 Teilnehmern, die Veranstalter von 2500.
In Berlin braut sich eine Protestbewegung zusammen, die auf die Frage "Wem gehört die Stadt?" eine denkbar einfache Antwort findet: Jedem. Und sie wollen das wörtlich nehmen. Investoren raus, Staat rein. "Wir sind dagegen, dass man beim Wohnraum Profit macht", sagte Lea Voigt vom Aktionsbündnis. In Berlin würden durch die zunehmend hohen Mieten die Menschen verdrängt, die sich die Wohnungen nicht mehr leisten könnten.
Der Berliner Mieterverein (BMV) - an dieser Protestaktion nicht beteiligt - bestätigt: "Es findet eine Verdrängung von der Innenstadt an den Stadtrand statt". Seit langem beklagt  der Geschäftsführer Reiner Wild einen rasanten Anstieg der Berliner Mieten. In den vergangenen drei Jahren seien bei bestehenden Mietverhältnissen die  Mieten im Schnitt jährlich um drei bis vier Prozent gestiegen. Bei neuen Mietverträgen sei das Mietniveau sogar noch weiter hochgeklettert. "Die Untersuchungen weisen auf Erhöhungen zwischen sieben und zehn Prozent pro Jahr hin", sagt Wild. Wer umzieht, kann sich oft nur noch Wohnungen weit außerhalb des S-Bahn-Rings leisten.
Weit innerhalb des S-Bahn-Rings, durch Kreuzberg hindurch, haben sich die Demonstranten ihre Route gelegt. Sie führt vorbei an vielen der Alt- und Neubauten, die in den vergangenen Jahren die Medien mit Skandalen und umstrittenen Wohnungsbauprojekten beliefert haben. Da kommen die Demonstranten beispielsweise in der Lausitzer Straße an der ehemaligen Wohnung der Gülbols vorbei, vor der zu Anfang des Jahres rund Tausend Berliner mit einer Sitzblockade vergeblich dagegen demonstriert hatten, dass die Familie zwangsgeräumt wurde.
Als sie am Sonnabend das Haus passieren, werfen Bewohner aus den Stockwerken gegenüber ein riesiges Plakat aus den Fenstern. "Stadt für alle". Für einen kurzen Moment wirkt dieses Kreuzberg, als sei es sich im Protest gegen den Ausverkauf der Stadt völlig einig, als seien Kreuzberger per se für Häuserkampf und gegen Geld.
Doch wenige Blocks weiter zeigt ein kühles, weißes Haus einen anderen Kreuzberger, den Besserverdiener. Dort, in der Reichenberger Straße, postieren sich die Demonstranten vor einem vor wenigen Jahren gebauten Carloft, das von Beginn an als Synonym für Verdrängung durch Luxuswohnungen herhalten musste. Die Demonstranten halten Pappschilder hoch, auf denen "20,00 Euro" steht, als Symbol für Luxusmietpreise pro Quadratmeter, damit die Bewohner ihre Autos direkt vor der Wohnung parken können. Unter Trommelwirbel drehen die Demonstranten schließlich ihre Plakate um: "Besetzt" steht nun darauf. Eine klare Ansage: Die Häuser müssen zurückerobert werden. "Die Stadt muss denjenigen gehören, die sie bewohnen", sagt Enrico Schönberg, einer der Demo-Veranstalter. "Unser Protest setzt darauf, die Ausbeutung der Stadt zu erschweren".