Es ist die Stimme von Pianist Thomas Krüger. Zusammen mit Sänger Sebastian Raetzel sitzt er auf der zur Bühne umfunktionierten Ladefläche eines Lkw, fährt in Schrittgeschwindigkeit durch die Straßen des Berliner Bezirks und spielt ein Konzert für dessenBewohner.
Italien diente als Inspiration
"Viva Balkonia" nennt sich die Aktion, die sich vergangenen Freitag und Sonnabend per Musiktruck durch weite Teile Marzahn-Hellersdorfs zog. Organisiert wurde sie vom Bezirk selbst. Ziel sei es gewesen, Abwechslung zum Alltag in der Quarantäne zu bieten, erklärt Oleg Peters, der sich für die Umsetzung verantwortlich zeigte.
Da der Bezirk andere Events wie das jährliche Classic Open Air in Helle Mitte oder das Biesdorfer Classic Picknick absagen musste, wurde eine Alternative gesucht, die mit geltenden Hy­giene- und Abstandsregelungen in Einklang steht. Inspiriert vonVideos aus Italien, auf denen Menschen von Balkonen ausgegen die soziale Isolation ansingen, erklärt Peters, entstand die Idee, das Konzept einfach umzudrehen und die Musik zu den Balkonen zu bringen. Die Botschaft heißt so, sagt er: "Wir wissen, was das für eine schwierige Situation ist, und wir wollen euch zeigen, wir denken an euch." Da nicht jede Straße angefahren werden könne, wurde die Aktion zudem mit Kameras begleitet und in Echtzeit im Internet übertragen.
Musiker der Wahl war Thomas Krüger, mit dem bereits in der Vergangenheit für verschiedene Veranstaltungen zusammengearbeitet wurde. Zudem sei er "ein Eigengewächs aus Marzahn", meint Projektleiter Peters. Als "Pianist aus der Platte" war Krüger Teilnehmer der RTL-Castingshow "Das Supertalent",  diverse YouTube-Videos zeigen ihn beim Klavierspielen auf öffentlichen Plätzen. Das Konzert für die Balkone sieht er als Gelegenheit, mit negativen Klischees aufzuräumen, für die der Bezirk immer wieder herhalten muss. "Es ist schön, wenn man mal zeigt, dass auch andere Seiten existieren", sagt er.
Mit dem Sänger der Band "The Baseballs", Sebastian Raetzel, bietet er einen bunten Genre-Mix. Entlang der Route, die sie am ersten der beiden Tage vom Ahrensfelder Platz aus über die Allee der Kosmonauten zum Helene-Weigel-Platz führt, spielen sie Evergreens, Schlager und Popsongs.
Bei bestem Wetter sind die Fenster und Balkone der Plattenbauten mit Menschen gesäumt. Nicht nur zu Hits wie "Take On Me" von A-Ha und demKarat-Klassiker "Über sieben Brücken musst du gehen" wird im Takt geklatscht und mitgesungen. Viele filmen mit ihren Handys. Fast ist man geneigt, zu vergessen, dass eine Pandemie zum zu Hause bleiben zwingt. Ein paar Wenige, die die rollende Bühne begleiten, werden daher von mitziehenden Polizeibeamten an die Abstandsregelungen erinnert und gebeten, dies zu unterlassen.
Willkommene Abwechslung
Linara Dvurecenskij bewohnteines der Häuser entlang der Strecke. Gerade führt sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter den Hund spazieren, als sie von der sich nähernden Musik überrascht wird. "Wir dachten zuerst, die Musik kommt von einem Balkon. Ein Konzert könne es ja nicht sein. Aber dann haben wir den Lkw gesehen." Von der Aktion zeigt sie sich begeistert, empfindet sie als willkommeneAbwechslung. "In der Quarantäne-Zeit sind ja doch viele Leute betrübt, jeder ist für sich. Aber jetzt ist plötzlich so eine tolle Stimmung. Man kriegt sofort gute Laune."

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