Am Dienstag nun lernte Tim seinen Internet-Star persönlich kennen. Unter der Überschrift "Idole im Netz. Influencer & Meinungsmacht" diskutierte Diana zur Löwen in der Charlottenburger Friedensburg-Oberschule mit Experten der Branche. "Vor zehn Jahren hatten Menschen mit 13 und 14 Jahren das erste Mal Internet-Kontakt. Heute passiert das im Alter von drei bis vier Jahren, darauf müssen wir reagieren", gestand David Miles, Sicherheitsdirektor von Instagram/Facebook, der ebenfalls zu der Veranstaltung im Rahmen des Internationalen Safer Internet Days angereist war.
Um die großen Anbieter noch stärker in die Pflicht zu nehmen, will Familienstaatssekretärin Juliane Seifert das Jugendmedienschutzgesetz modernisieren. "Wir müssen Sicherheitsgurte einbauen", sagt die SPD-Politikerin. Dazu gehörten Voreinstellungen bei Games, die verhinderten, dass Kinder von fremden Mitspielern einfach so kontaktiert werden können.
Auch Tim wurde schon von Fremden angeschrieben. "Wenn ich das Gefühl habe, es geht in eine pädophile Richtung, dann blockiere ich denjenigen einfach", sagt der Schüler. Mit der Zeit habe er ein Gespür dafür entwickelt, ob sich jemand ein "Fake-Profil" zugelegt habe, glaubt der Schüler. Doch auch er nimmt aus der Veranstaltung am Dienstag etwas mit: "Ich habe heute gelernt, wie viel Geld mancher Influencer durch Werbung verdient und wie sein Marktwert mit der Anzahl der Abonnenten steigt."
Wie die Internet-Stars in der Badewanne liegen und den ganzen Tag Bifi essen, kritisiert Toyah Diebel auf witzige Art. Als so genannte "Satire-Influencerin" wurde die Buchautorin selbst zur Internet-Ikone. "Je mehr Reichweite ich jedoch bekam, desto mehr wurde mir auch meine Verantwortung bewusst", sagt die 31-Jährige. Sie nutzt ihren Einfluss, um sich für die Jüngsten einzusetzen.  "Die Kinderrechte sind nicht an die sozialen Medien angepasst", sagt Diebel. Die Babys, die von  "Blogger-Müttern" weinend und vollgesabbert ins Netz gestellt werden, hätten keine Wahl. Wenn dann noch für Produkte geworben werde, sei das Kinderarbeit, so Diebel.
Jan Eumann,  Direktor der Medienanstalt Rheinland Pfalz, findet, dass auch politische Meinungen klarer gekennzeichnet werden müssten. Dazu gebe es nach entsprechenden Postings oft Reaktionen von "Fake Accounts", "die den Eindruck erweckten, als gebe eine riesige politische Bewegung", so der Fachmann. Eumann sieht aber vor allem auch Eltern und Lehrer in der Pflicht, sich mit den bei der Jugend beliebten Inhalten auseinander zu setzen, um dem Nachwuchs Medienkompetenz vermitteln zu können.
In der Friedensburg-Oberschule sind Handys in den Pausen erlaubt. Wichtige Schulinfos werden über eine interne App kommuniziert. "Wenn jemand krank ist, kann er sich die fehlenden Arbeitsblätter herunterladen und dem Lehrer direkt Fragen stellen", erklärt Paola, 15, die Vorteile. Gemeinsam mit ihrer Freundin Paula aus der Computerklasse hat sie unter anderem in einem dreimonatigen Internet-Workshop gelernt, private Posts von Influencern von versteckter Werbung zu unterscheiden. "Die Verantwortung liegt auch bei einem selber", findet Paula besonders mit Blick auf den Klassenchat. "Man muss sich bewusst machen, dass manchmal schon ein kleiner dummer Kommentar jemanden anderen sehr verletzen kann."

Weltweiter Aktionstag


Der Safer Internet Day ist ein von der EU initiierter weltweiter Aktionstag für mehr Sicherheit im Internet. Die Leiterin der EU-Initiative "klicksafe", Birgit Kimmel, fordert Eltern auf, ihre Kinder bei den ersten Schritten im Netz intensiv zu begleiten. Idealerweise sollten sie erst ab zwölf Jahren ein Smartphone nutzen. Ein Warnzeichen sei es, wenn der Nachwuchs sich zurückzöge und aggressiv reagierte, wenn man mit Internet-Entzug drohe. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, warb für ein Schulfach Medienkompetenz. Das sichere Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen mit Medien müsse endlich als nationale Aufgabe verstanden werden. neu/KNA