Also ist man  kurzerhand ins Planungsbüro in einer ehemaligen Fahrradwerkstatt am anderen Ende des Gebäuderiegels an der Karl-Marx-Allee ausgewichen. An den langen Tischen, an denen sonst die Zukunft des ehemaligen DDR-Nachkriegsbaus von Vertretern aus Politik, Verwaltung und  Stadtgesellschaft ausgetüftelt wird, haben nun rund 20 Menschen  Platz genommen, die nichts weiter mitbringen müssen als einen guten Vorsatz.
Sie wollen nicht mehr so viele Lebensmittelreste wegschmeißen. Da ist zum Beispiel Fabian, Mitte 20, dessen Mitbewohner immer nur Pasta mit Ketschup essen, und der sich sonst nur über YouTube-Videos Anregungen holt. Oder Jutta, Seniorin aus Schöneberg, deren Kühlschrank immer zu voll ist. Klaus, ein Mann im besten Alter, hat früher selbst als Koch gearbeitet und will sich auf den aktuellen Stand bringen. Birte, Ende 40, kommt dagegen regelmäßig, weil sie es einfach schön findet, mit anderen zusammen zu schnippeln und zu essen.  Und Soziologie-Studentin Darie will die Zusammenkunft der unterschiedlichsten Menschen quasi im Selbstversuch studieren.
"Die Mischung der Leute ist hier schon toll", freut sich Wenke Heuts. Seit 2014 setzt sich ihr Verein "Restlos Glücklich" für die Wertschätzung von Lebensmitteln ein. Seit zwei Jahren bieten die Mitglieder unter anderem Bildungs-Workshops zu Themen wie "Lebensmittelverschwendung" für Kinder und Erwachsene an. In dem seit über zehn Jahren leerstehenden Mammutbau am Alexanderplatz, in dem einst DDR-Statistiker Analysen für die Planwirtschaft erstellten, gehört der Verein nun zu den sogenannten Pionieren und Zwischennutzern, die schon mal zeigen sollen, wo die Reise hingehen kann.
Denn die Entwicklung des 5000 Quadratmeter großen Areals soll ein Vorzeigebeispiel für eine sozialere Stadtentwicklung werden. Nach Protesten vom Kulturschaffenden kaufte das Land die Ruine 2017 dem Bund für rund 50 Millionen Euro ab. Nach der Sanierung und einem 16-stöckigen Anbau sollen unter anderem das Finanzamt Mitte und  Rathaus Mitte einziehen. Ein Teil ist für 300 günstige Wohnungen reserviert. Dazu soll es reichlich Platz für Künstler und gemeinnützige Vereine geben.
Doch schon jetzt finden jetzt in dem verfallenen Bau Upcycling-Workshops statt, bei denen Jung und Alt aus gefundenem Material Jongliergeräte bauen und gleich noch die Kunststücke dazu lernen. Ende Februar will sich ein hauseigener Chor gründen, bei dem die Teilnehmer ihre "utopischen Lieder über die Zukunft der Stadt", selbst schreiben. In einem der Ladengeschäfte im Erdgeschoss stapeln sich an diesem verregneten Mittwoch bergeweise Säcke mit Kleiderspenden. Gerade kommt ein Transporter eines Privatmannes aus Cottbus mit Sachspenden vorgefahren. "Früher habe ich die Sachen in meinem Büro in Friedenau gestapelt", freut sich Hiba Albassir, Koordinatorin von der Syrienhilfe. Durch die neuen Räume könnte der Verein nun zwei Container-Ladungen in die Kriegsgebiete losschicken.
Während die Helfer die Sachspenden umsortieren, wird ein Haus weiter fleißig für das Klima geschnippelt. "Der Schwarzkohl ist schon etwas schlapp. Normalerweise könnte man Chips draus machen, aber vielleicht sollten wir ihn mit ins Gemüse-Curry reinschmoren", schlägt Susanne Schröder vor. Die Kulturwissenschaftlerin, Tischlerin und Koch-Trainerin  will das Haus zum "Lebensmittelpunkt" machen, in dem künftig auch Brandenburger Bauern ihre Produkte verkaufen.
Aber nun müssen erst einmal die im Bioladen schon aussortierten Äpfel zu Obstsalat und Apfelstrudel verarbeitet werden. Aus altem Brot entstehen Croutons. Selbst die Blätter vom Kohlrabi müsse man nicht wegwerfen, sondern könne aus ihnen ein Pesto zaubern, erklären die Essen-Retterinnen. Nach rund drei Stunden duftet es lecker. Die Teilnehmer sitzen in Grüppchen zusammen und genießen plaudernd ihre Kreationen. Viele würden gerne regelmäßig kommen. Doch ob Kochkurse weiter stattfinden, ist ungewiss. "Die Projektförderung vom Senat läuft Ende des Monats aus", erklärt Wenke Heuts. "Wir hoffen auf eine Verlängerung."
Internet: hausderstatistik.org

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