Kaum Leerstand in den Hochhäusern, rege Bautätigkeit in den Eigenheimsiedlungen - Marzahn legt zu, und da sollte auch die Kultur mitziehen, findet die zuständige Stadträtin des Doppelbezirks Marzahn-Hellersdorf, Juliane Witt. Eine entscheidende Rolle werde dabei das für zehn Millionen Euro schlicht und modern sanierte Schloss Biesdorf spielen, verspricht die Linke-Politikerin am Dienstag während eines Rundgangs durch die prächtige Villa anno 1868 mit angeschlossenem Park.
Auf vier Etagen und insgesamt 2600 Quadratmetern sollen ab September an den strahlend weißen Wänden im Inneren des Schlosses vor allem Werke von DDR-Künstlern hängen, die derzeit im Fundus der Burg Beeskow lagern. Auch reichlich Platz für Konzerte, Vorträge und Künstlertreffen wird es geben, Kita- und Schulkinder sollen im Haus Projekte machen können. Die wichtigste Botschaft sei, dass das Haus für die Kultur im Bezirk erhalten bleibe, betont die Stadträtin. Aber da es derzeit kaum vergleichbare Großprojekte in der Berliner Kultur gebe, werde die noch namenlose Biesdorfer Galerie samt Café für die ganze Stadt und das Umland Bedeutung erlangen, "als Drehscheibe zwischen Berliner Innenstadtkultur und dem Land Brandenburg", so Witt.
Betreiberin des Hauses ist seit Dienstag die Grün Berlin GmbH, bislang unter anderem Herrin über die nahegelegenen Gärten der Welt in Marzahn und das Tempelhofer Feld. Viel verraten will Christoph Schmidt, der Chef der Gesellschaft, über die konkrete Bespielung des Hauses noch nicht. Man agiere in Netzwerken und strebe Kooperationen im Kunstbereich an, sagt er. Während der Park frei zugänglich bleibe, werde für das Schloss künftig Eintritt verlangt. Wie viel, sei noch offen. Rund 30 000 Gäste brauche man pro Jahr, damit sich das Projekt rechnet. Kritisch sieht er die Erreichbarkeit des direkt an der Bundesstraße B1 gelegenen Hauses mit öffentlichen Verkehrsmitteln. "Ein paar mehr BVG-Busse in unsere Richtung wären schön." Der U-Bahnhof Elsterwerdaer Platz ist allerdings auch nur einen zehnminütigen Fußweg entfernt.
Dass jenes Schloss, eigentlich nur eine große Villa, nun in einem bis ins Detail sanierten Zustand der Kunst gehört, ist keine Selbstverständlichkeit. Jahrzehntelang wurde das Haus vernachlässigt, der Verkauf an einen Hotel-Investor spukte herum, aber engagierte Bürger kämpften um die Erhaltung für die Öffentlichkeit.
Im Jahre 1868 wurde das Herrenhaus für den Baron von Rüxleben im italienischen Villenstil errichtet, 20 Jahre später zog der Industrielle Werner von Siemens ein, kurz darauf dessen Sohn. Ab 1918 gab es wechselnde Nutzungen, inklusive Umbauten und diversen Schäden. Die Familie Siemens verkaufte das Anwesen 1927 an die Stadt. Ab 1933 residierte in der Villa eine Ortsgruppe der NSDAP, im Krieg brannte das Haus nieder, wurde in den 1950er-Jahren notdürftig repariert und diente seitdem mit einigen Unterbrechungen als Kulturzentrum. Seit dem Jahr 2000 ringen diverse Initiativen um einen Wiederaufbau des Hauses, der nun dank reichlich Fördergeld kurz vor dem Abschluss steht. Die verschwundene zweite Etage des Hauses und das ursprüngliche Dach wurden nach historischem Vorbild wieder hergestellt.
Blickfang ist im Inneren ein haushoher, achteckiger Lichthof, gekrönt von einer gläsernen Laterne. Von hier bieten sich schöne Sichtachsen in die Zimmer bis hin zu den diversen Balkonen und dem Garten mit seinen altehrwürdigen Bäumen. Stuck und sonstigen historischen Raumschmuck gibt es nicht. Die Architekten haben sich für eine "neutrale" Gestaltung entschieden, da es ohnehin keine Fotos oder andere Beschreibungen von der einstigen Einrichtung im Schloss gab.
www.stiftung-schloss-biesdorf.de