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Etwas benommen lugt ein kleiner zerzauster Tigerkopf aus der Rattankiste. Vorsichtig schaut sich Alisha um, nachdem ihre Pflegerin den Deckel gelüftet hat. Aus der Verwirrung wird schnell Neugierde. Alisha spreizt die Ohren. Die Vogelstimmen im Tropenhaus sind ihr noch unbekannt. Und schon macht sich das sechs Wochen alte Tigermädchen auf, das neue Gelände zu erkunden. Alisha schnappt nach den Blättern der Beete, schnüffelt an der dunklen Erde, aber auch an der Hose eines Fotografen, der auf den Steinweg kniet, um das beste Foto des neuen Tierpark-Stars zu schießen.
Während der Journalist überrascht zurückweicht, hat Alisha scheinbar weniger Berührungsängste. "Das ist typisch für den nordischen Charakter der Sibirischen Tiger, sie sind nicht so heißblütig wie die Sumatra-Tiger aus dem Süden, dafür sehr aufmerksam und neugierig", sagt Petra Schröder. Immer wieder muss die Tierpflegerin nach dem flauschigen Ausreißer greifen, damit er sich nicht zu weit von ihr und der Box entfernt. Schließlich muss sie nun die Mutterrolle übernehmen und für seine Sicherheit sorgen. Alisha quittiert die Fürsorge wahlweise mit einem zaghaften Fauchen oder mit dem Nuckeln am Finger der Pflegerin, die ihr zärtlich das Kinn krault.
Die kleine Raubkatze muss ähnlich wie das von seiner Mutter verstoßene Orang-Utan-Baby im Zoo mit der Flasche aufgezogen werden. Es ist eine traurige Geschichte, die erst so hoffnungsvoll begann. Am 10. Dezember hatte Tiger-Mutter Aurora im Alfred-Brehm-Haus Drillinge zur Welt gebracht. Obwohl sie sich gut um ihren Nachwuchs kümmerte, ging es den Jungen zusehends schlechter. Die Mutter hatte nicht genug Milch, so dass zwei Tiger-Babys nach elf Tagen starben. Auch Alisha hatte stark abgenommen. Um sie zu retten, entschlossen sich die Tierpfleger, sie mit der Flasche aufzuziehen.
"Eine schwere Entscheidung", sagt Raubtier-Kurator Christian Kern, der der Natur gerne ihren Lauf lässt. "Denn es bedeutet für Alisha, dass sie nicht unter Artgenossen aufwachsen kann. Nachdem ihre Mutter zum Fressen in einen separaten Käfig gelockt wurde, holten die Pfleger das Tigerbaby in eine der anderen sogenannten Mutterstuben des Raubtierhauses. Dort bekommt Alisha nun dreimal am Tag die Flasche. Dabei sitzt sie meist bei den Pflegern auf den Beinen, die ihr danach den Bauch kraulen, damit auch alles wieder ordentlich rauskommen kann. Ein bisschen Mutterliebe müsse schon sein, obwohl das Tiger-Junge momentan eigentlich nur Wärme und Nahrung brauche, erklärt Kern. "Man darf das nicht so vermenschlichen". So hätte auch die Mutter die Trennung gut verkraftet. Als sie merkte, dass es auch mit Alisha bergab ging, habe sie sich nicht mehr richtig gekümmert. "Da ist die Natur ziemlich effizient", erklärt Kern, der eine Rückführung zu den Eltern ausschließt. Stattdessen hält er nach einem späteren Spielkameraden Ausschau. Denn spätestens in einem halben Jahr wird es für die Pfleger zu gefährlich sein, sich mit Alisha zu beschäftigen. Schon jetzt kann die Kleine, die inzwischen fast fünf Kilo wiegt, ganz schöne Kratzer hinterlassen. Doch in ganz Europa gibt es derzeit keinen ähnlichen Fall von einer Handaufzucht der vom Aussterben bedrohten Tiger-Art. Eine Alternative könnten junge Puma oder Leoparden sein.
Während Alisha schon viel umher tapst, verschläft das Orang-Utan-Baby in der Dienstwohnung des Charlottenburger Zoos fast den ganzen Tag. Das von seiner Mutter abgelehnte Affen-Kind, das am 12. Januar zur Welt kam, wurde am Donnerstag auf den Namen "Rieke" getauft. Mittlerweile ist es gut 38 Zentimeter lang und wiegt 1800 Gramm. "Alle zwei bis drei Stunden verlangt sie nach ihrer Milch", berichtet Tierarzt André Schüle. Das sei sehr anstrengend, besonders in den Nächten, die sich deshalb vier Pfleger aufgeteilt haben.
Damit sie tagsüber ihrer Arbeit nachgehen können, benutzen sie Wärmflaschen, Windeln und Babyfone. Wenn Rieke nicht gerade die Hand eines Pflegers beim Trinken umfasst, hält sie sich an ihrem "Klammertuch" fest. "Das ist einfach nur ein Handtuch zu einer Wurst geformt, um den natürliche Reflex zu bedienen", erläutert Schüle. Denn normalerweise würde Rieke jetzt am Körper ihrer Mutter hängen, während die sich von Ast zu Ast hangelt. Damit Rieke sich das trotzdem von ihren Artgenossen abschauen kann, führen die Pfleger sie regelmäßig an das Affengehege und lassen sie durch die Gitter spähen.
Die Zoo-Besucher werden Rieke aber trotzdem nicht vor Ende Januar zu sehen bekommen. Auch Tigermädchen Alisha bleibt noch ein paar Wochen von den Blicken der Tierpark-Besucher abgeschirmt.
Über den Berg: Nachdem Alisha nur noch 1800 Gramm wog, nahmen die Pfleger sie aus dem Gehege und gaben ihr die lebensrettende Flasche. Foto: dpa
Klammert gerne: Das zehn Tage alte Orang-Utan-Junge Rieke greift sich gerne etwas zum Kuscheln. Foto: Zoo Berlin
Tiger-Junges muss per Hand aufgezogen werden / Orang-Utan-Baby im Zoo heißt jetzt "Rieke"
Eine Rückführung zu den Eltern ist bei beiden Tieren ausgeschlossen
Link zum Tiger-Video: www.moz.de/video