Der junge Held will den Tod seines Vaters rächen und die Tochter des Kaisers erobern. Auf dem Weg durch japanische Häuserschluchten trifft er aber erst einmal auf ein hungerndes Mädchen. "Für sie gehe ich Sushi kaufen", erklärt Jimmy Hirschfeld. Statt in einem asiatischen Imbiss sitzt er in der Zentral- und Landesbibliothek am Berliner Schlossplatz. Der 27-Jährige ist einer der ersten Besucher der "Gamelouge". 3500 Konsolenspiele können dort bequem von roten Sesseln aus bedient werden. Hirschfeld kennt viele noch aus seiner Jugend. Dass auch das Japanische "Shenmue" schon zur älteren Generation gehört, sieht man an dem Telefonapparat mit Wählscheibe, den Hirschfeld per Knopfdruck von seinem japanischen Ich abnehmen lässt. Doch die Technik war auch schon vor der Jahrtausendwende ausgefeilt. "Ich kann eine Cola-Dose wegtreten, die auf dem Boden liegt", sagt der Berliner begeistert. Der selbstständige Werbetechniker verbringt oftmals mehrere Stunden am Tag in anderen Welten. Vereinsamen tut er dabei nicht. Über einen Kopfhörer kommuniziert Hirschfeld mit Spielern aus aller Welt.
Daran war lange nicht zu denken, als Thomas Feibel sein erstes Computer-Spiel für die Frankfurter Rundschau besprach. Bei dem Journalisten türmten sich seit 1995 Spiele, die ihm die Firmen kostenlos für seine Rezensionen zuschickten. Bei den ersten seien die Bildschirme noch schwarz gewesen und man habe nichts weiter sehen können als Sätze wie "Gehe durch diese Tür", erinnert sich Feibel.
Seine einzigartige Sammlung hat er nun der Öffentlichkeit vermacht. Die Spiele können zwar nicht mit nach Hause genommen, jedoch von jedem vor Ort kostenlos ausprobiert werden. Eine Anmeldung ist jedoch erforderlich.
Die Sammlung gleicht einer Zeitreise durch das digitale Freizeitalter. In den Vitrinen zwischen den drei Bildschirmen lagern, neben Fußball-, Zauber und Autospielen, Gameboys aller Generationen. Der erste - Baujahr 1991 - ist rot, klobig und hat noch ein Schwarzweiß-Display. Die neueste Variante - zum Aufklappen, 3-D und Touchscreen - ist dagegen gleich mit zwei Bildschirmen bestückt. "Mit diesem Gameboy kann man im Internet surfen oder andere Mitspieler orten", erklärt Bibliotheksmitarbeiter Marian Kalischer.
Auch er ist mit Nintendo und Playstation aufgewachsen. "Meine Eltern haben mir zu meinem siebten Geburtstag den ersten Sega geschenkt. An dem hat noch die ganze Familie gespielt", sagt der 25-jährige Köpenicker. Sein Aufgabengebiet ist die sogenannte e-LernBar. Dort konnten Bibliotheksnutzer schon in der Vergangenheit an kabinenartigen Computerarbeitsplätzen Lern-Software mit 30 Sprachen nutzen. Nun betreut Kalischer die neue Gamelounge, in der Besucher Monster züchten können, um sie später wie Fußballmannschaften gegeneinander antreten zu lassen. Die Königsdisziplinen heißen Flammenausstoßen und Blitzeschlagen. "Viele der Spiele führen inzwischen ein Mauerblümchendasein", sagt Kalischer. Zu den Konsolen sollen demnächst noch modernere PC-Spiele kommen.
Jimmy Hirschfeld findet das Angebot jetzt schon attraktiv. "Ich gebe in manchem Monat 200 bis 300 Euro für neue Spiele aus", berichtet der leidenschaftliche Zocker. "Wenn ich was doppelt habe, werde ich es demnächst auch für die Sammlung spenden.
Ab Montag werden die Spiele im Internet angeboten und können für den Folgetag in der Gamelounge bestellt werden: www.zlb.de/wissensgebiete/elernbar/spielesammlung