Die Holzbrücke über den Grand Canyon ist morsch, also bleibt der Trauergemeinde nur der Eingang durch den Ausgang. Drinnen im Bahnhof der Wildwasserbahn drängen sich die gelben Boote aneinander, als könnte die Fahrt für die 50 Besucher sofort beginnen. Aber dafür fehlt nicht nur das Wasser. Die Scheiben des Führerstands sind eingeschlagen, die Knöpfe am Schaltpult herausgerissen. Seit elf Jahren hat sich hier keines der Boote mehr bewegt. Spinnenweben, Laub und Moos sind eingezogen. "Sie können sich für ein Foto ruhig in die Boote setzen", ruft Christopher Flade, der die Gäste herumführt.
Eröffnet wurde der Volkseigene Betrieb Kulturpark Berlin im Jahr 1969. Er war der erste und blieb der einzige Freizeitpark der DDR - ein Geschenk ans Volk zum 20-jährigen Bestehen des Staates. 1,7 Millionen Besucher kamen pro Jahr in den Plänterwald. Nach der Wende wurde der Betrieb abgewickelt und die Pacht neu vergeben, an die Schaustellerfamilie Witte. Norbert und Pia Witte rissen Betonflächen auf, pflanzten Bäumen, kauften Fahrgeschäfte aus der Konkursmasse eines Pariser Freizeitparks und investierten insgesamt 40 Millionen Mark. Aus dem Kulturpark machten sie den Spreepark, knapp 30 Hektar groß. Playboy Rolf Eden fuhr mit seinem Rolls Royce vor und gab Konzerte. Wessis und Ossis waren an dieser Stelle vereint glücklich.
Doch als der Bezirk Treptow-Köpenick Mitte der 90er- Jahre die Landschaft um den Park zum Schutzgebiet erklärte und sämtliche Parkplätze untersagte, kamen nur noch 400 000 Besucher im Jahr. Mit 15 Millionen Euro Schulden schlossen die Wittes 2001 die Tore und meldeten Insolvenz an. "Danach hat sich Familie Witte vorübergehend mit sechs Fahrgeschäften nach Chile abgesetzt", erzählt Flade. Auch dort floppte das Geschäft. Um seine neuen Schulden zu bezahlen, habe sich Norbert Witte 2003 mit der peruanischen Drogenmafia eingelassen. Zurück in Berlin, habe er seinen 23-jährigen Sohn Marcel ohne dessen Wissen 167 Kilogramm Kokain im Inneren eines Fahrgeschäfts nach Europa schmuggeln lassen. "Der Sohn wurde erwischt, und unschuldig zu 20 Jahren Haft verurteilt", so Flade. Der Vater dagegen lebe noch immer in einem Wohnwagen auf dem Parkgelände.
Seither verrottet in Berlin ein ganzer Vergnügungspark.Über den "Spreeblitz" haben sich Kletterpflanzen hergemacht. Der Expeditionsführer steht neben der Achterbahn und deutet an die Unterseite der rostigen Schienen. "Die gesamten Kupferkabel sind geklaut worden", erklärt er. Flade ist so etwas wie der Chronist des Spreeparks, trotz seiner erst 24 Jahre. Als Kind hat er unzählige Nachmittage im Park verbracht, nun widmet der groß gewachsene Hotelfachmann viel seiner Freizeit den Führungen. An den Wochenenden und an Feiertagen können Besucher den Verfall für 15 Euro Eintritt begleiten.
Eltern sind mit ihren Kindern gekommen, um ihnen den Sehnsuchtsort aus eigenen Kindertagen zu zeigen. Ein paar Studenten und Touristen sind da, um möglichst erschreckende Fotos zu schießen. Es geht vorbei an weißen Schwanenbooten, die halb in einem braunen Teich versunken sind und riesigen Dinosaurierfiguren, denen dreiste Souvenirjäger die Köpfe abgesägt haben. Von 35 Fahrgeschäften sind nur noch neun übrig geblieben. Einige hat der Insolvenzverwalter verkauft, andere verschwanden von allein. "Der Spreepark ist der einzige Freizeitpark, dem ein ganzer Autoscooter abhanden gekommen ist", berichtet Flade und erntet Gelächter.
Die Versteigerung ist vom Bezirksamt für den 3. Juli anberaumt. Der zukünftige Pächter wäre allerdings verpflichtet, dass sich die Karussells bis ins Jahr 2061 drehen. Obendrein will der Bezirk die Besucherzahl im Fall einer Neueröffnung auf 300 000 pro Jahr deckeln.
Interessenten, die den Spreepark übernehmen wollten, gab es in den vergangenen Jahren genug. Das weiß Gerd Emge, dessen Sicherheitsdienst das Gelände bewacht. Der kernige 64-Jährige, hat viele von ihnen durch den Park geführt. Aus Kopenhagen waren die Betreiber des Tivoli da, neulich die Plopsa-Gruppe aus Belgien. Emge hat sie alle auch wieder verschwinden sehen. "Hier rechnet sich kein Freizeitpark", ist er überzeugt.
"Auf keinen Fall werde ich bei dieser Versteigerung mitbieten", sagt auch Roland Mack, Chef des Europaparks im baden-württembergischen Rust. Der Verkehrswert von 1,65 Millionen Euro sei zwar ein Schnäppchen für rund 30 Hektar. "Die Bedingungen rund um Naturschutz und Parkplätze sind aber ein großes Problem", findet Mack.
Christopher Flade steht jetzt vor dem maroden Riesenrad und gibt noch ein bisschen Statistik zum Besten. Etwa 100 Einbrecher stiegen an schönen Tagen über den Zaun. "Den Altersrekord hält eine 90-Jährige, die sich im Riesenrad vom Wind hat treiben lassen." Statt der üblichen Anzeige habe die Dame einen Kaffee spendiert bekommen.