Hassan M. ist schon mehrfach schwarzgefahren, hat einen Mitschüler blutig geschlagen und wurde beim Klauen erwischt. Doch von der Justiz werden die Straftaten des 15-Jährigen nicht gemeinsam erfasst. Denn sein arabischer Nachname hat in lateinischen Schriftzeichen vier verschiedene Versionen. Bei jedem Polizeikontakt gibt Hassan M. einen anderen an.
Das Problem mit den arabischen Namen ist nur eines, das die Verfolgung jugendlicher Straftäter in Neukölln erschwert. Um kriminelle Karrieren früher zu erkennen und dagegen zu intervenieren, sollen sich ab 1. Juni drei Staatsanwälte ausschließlich um Jugendliche im Brennpunktbezirk kümmern. Und zwar um die, die noch keine Intensivtäter sind, aber schon Bekanntschaften mit der Polizei gemacht haben. "Wir versprechen uns von dem persönlicheren Kontakt eine effektivere Bekämpfung der Jugendkriminalität", erklärte Justizsenator Thomas Heilmann (CDU), der das Pilotprojekt "Staatsanwaltschaft für den Ort" am Mittwoch vorstellte.Dafür sollen die Staatsanwälte aus dem jetzigen Kern-Büro in Moabit regelmäßig nach Neukölln pendeln und sich vor Ort mit Jugendamt, Jugendgerichtshilfe, Polizei, Schulen und Familienrichtern abstimmen. Gemeinsam soll über Konsequenzen beraten werden.
Eine Netzwerkarbeit, die schon einmal die bekannte Jugendrichterin Kirstin Heisig ins Leben gerufen hat. Ihr Neuköllner Modell, bei dem sich junge Täter bei kleineren Delikten möglichst schnell nach der Tat vor Gericht verantworten müssen, wurde 2010 für die ganze Stadt übernommen. Die Zusammenarbeit an Runden Tischen aber, wo alle relevanten Institutionen die Einzelfälle betrachten und nötige Maßnahmen beratschlagen, sei nach ihrem Tod wieder eingeschlafen, berichtet der Neuköllner Jugendstadtrat Falko Liecke. "Dabei hat das System ganz gut funktioniert. Was Kirstin Heisig da bewirkt hat, war ziemlich beeindruckend. Wir wollen ihren Spirit wieder aufnehmen", so Liecke.
Das sieht auch Thomas Schulz-Spirohn so. Der Staatsanwalt hat sich freiwillig für den neuen Job gemeldet. Er ist selbst in Neukölln aufgewachsen. Die Jugendfreizeitheime, die er in den kommenden Monaten besuchen wird, kennt er zum Teil noch aus seiner Kindheit. Zuerst will sich der 51-Jährige bei den Polizeiabschnitten vorstellen. Derzeit hat der Staatsanwalt, der monatlich rund 120 Fälle betreut, noch mit Beamten aus vielen verschiedenen Ecken der Stadt zu tun. "Die Ansprechpartner wechseln oft, das führt leichter zu Missverständnissen", berichtet Schulz-Spirohn.
Von den persönlichen Kontakten verspricht er sich nicht nur schnellere Abläufe, sondern vor allem mehr Präzision bei Maßnahmen. Die reichen von Geldstrafen für die Eltern wegen des Schulschwänzens ihrer Kinder über Sorgerechtsentzug bis hin zum Jugendarrest für Straftäter. "Wenn alle vor Ort zusammenarbeiten, kann man eher sehen, bei welchem Jugendlichen sich welche Entwicklung anbahnt und man intervenieren muss oder den Ball flach halten kann", berichtet der Jurist. Manchmal könne schon die Information helfen, dass der Junge eine neue Freundin hat, die einen guten Einfluss nimmt. "Es ist einfach gut, wenn man nah dran ist."