Virchows Asylheim
Vor Kurzem unterzeichnete Gothe eine Kooperationsvereinbarung mit der Senatsverwaltung, der städtischen Wohnungsgesellschaft degewo, dem Verein "Die Wiesenburg e.V." und dem Quartiersmanagement. Das gemeinsame Ziel: Die Revitalisierung des Geländes, auf dem 1896 der  Mediziner Rudolf Virchow mit Hilfe der Unternehmer August Borsig und Carl Bolle sowie jüdischen Mitbürgern das größte Obdachlosenheim der Stadt eröffnete. Bis zu 700 Männer und Frauen fanden täglich in der Wiesenburg bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges ein sicheres und besonders hygienisches Heim. Schriftsteller wie Rosa Luxemburg, Kurt Tucholsky, Erich Kästner und Hans Fallada nutzten das einzigartige Armenhaus für ihre Recherchen.
Später wurde das 13 000 Quadratmeter große Gelände gewerblich genutzt. Im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bomben große Teile der roten Klinkerbauten. Seit vielen Jahrzehnten wächst nun Wein aus den hohen Giebeln. Regisseure von Fritz Lang über Rainer Werner Fassbinder bis Volker Schlöndorff nutzten den verfallenden Komplex als Filmkulisse.
Nur das sogenannte Beamtenwohnhaus blieb als Wohnhaus erhalten. Seit den 1960er-Jahren wohnen dort Anna und Wolfang Dumkow, die den Bau bis zur Übernahme durch die degewo bis 2014 verwalteten. Das Paar und ihre beiden Söhne machten die Wiesenburg zu einer Oase, in der Kulturschaffende preiswert wohnen und arbeiten konnten, und organisierten gemeinsam mit ihnen auf dem Gelände soziale Projekte mit Kindern aus dem Weddinger Kiez. Unter den zehn Mietern sind Künstler, ein Tischler und ein Philosoph.
Musiker Dirk Feistel kam durch Zufall in die Wiesenburg, als er in den 90er-Jahren einen preiswerten Proberaum suchte.  Im hinteren Gebäudeteil hat der 44-Jährige über die Jahre ein Tonstudio aufgebaut. Inzwischen ist Feistel einer der Köpfe des Wiesenburg-Vereins, der sich 2015 gründete, als Immobilienspekulanten ihre Greifer nach dem außergewöhnlichen Areal ausstreckten, von denen es immer weniger in der Stadt gibt.
"Wir setzen uns dafür ein, den besonderen Zauber des Ortes zu wahren und wollen das Gelände unter Einbindung der jahrelangen Nutzer behutsam als Nachbarschafts-, Bildungs- und Kulturort öffnen", erklärt Feistel, der in der Wiesenburg in den vergangenen Jahren ein Kunst- und Musikfestival etabliert hat. Der Rohbau des Kooperationspartners degewo mit 102 preisgünstigen Mietwohnungen und Künstler-Ateliers im Erdgeschoss ist schon hochgezogen. Der halb verfallene und überwucherte Wasserturm soll restauriert werden.
In der ehemaligen Sammelhalle für Männer könnte das Kindertheater o.N. eine neue Bleibe finden. Dazu gibt es die Idee eines Grünen Klassenzimmers für die Kinder und Jugendlichen aus dem immer noch rauen Weddinger Problemkiez.
Keine zweite Kulturbrauerei
Seit Jahren haben die Wiesenburger schon an einem Nutzungs-Konzept gefeilt und dieses zum Teil mit Veranstaltungen erprobt.  "Wir bauen keine goldenen Türklinken und wollen keine zweite Kulturbrauerei werden", betont Feistel. Aber um die maroden Dächer, Fensterbögen und Fassaden der historischen Gebäudeteile zu sanieren, müsse man schon ordentlich Geld in die Hand nehmen. Was möglich ist, soll bis zum Herbst dieses Jahres in einem weiteren Werkstattverfahren mit allen Beteiligten geklärt werden.

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