Auf einem Bild sieht man das Wohnungselend im Berlin der 1920er-Jahre, wo zum Teil Keller als Wohn-, Arbeits- und Schlafräume in einem dienten.
Der Mangel an Wohnraum gehörte damals zu den zentralen Problemen der Stadt, die nach dem Zusammenschluss mit ihren Umlandgemeinden quasi über Nacht zur drittgrößten Metropole der Welt wurde.  Am 1. Oktober 1920 wurde Berlin mit den Städten Lichtenberg, Schöneberg, Wilmersdorf, Charlottenburg, Neukölln, Köpenick und Spandau, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken vereinigt. Die Stadtfläche wuchs von 66 auf 878 Quadratkilometer, die Bevölkerung von 1,9 auf knapp 3,9 Millionen Menschen.
47 000 Schlafgänger
Während kleine, preisgünstige Quartiere für die Armen fehlten, gab es ein Überangebot von großen Wohnungen für das Bürgertum. Schon damals machtenImmobilienspekulanten hoheGewinne. Im Jahr 1925 lebten rund 70 000 Menschen in Keller- und Souterrainwohnungen, es gab33 000 Untermieter und knapp 47 000 sogenannte Schlafgänger – also Arbeiter, die nur stundenweise ein Bett mieten konnten. Eine Ausgangssperre wie inCorona-Zeiten hätte damals wohl in die Katastrophe geführt. Denn in den viel zu beengten, oft fensterlosen Wohnungen in den Hinterhäusern und Seitenflügeln der fünfstöckigen Mietskasernen grassierten Lungenkrankheiten wie Tuberkulose.
Unter schwierigen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen wurden deshalb in den Folgejahren wichtige Reformvorhaben geplant und umgesetzt, die teilweise bis heute nachwirken. Die Autoren der Broschürebeschäftigen sich schon seit vielen Jahren  mit der Berliner Stadtentwicklung. Andreas Ludwig – Historiker am Leibniz-Institut für Zeithistorische Forschung in Potsdam – untersucht, wie sich unter aktiver Bürgerbeteiligung eine moderne soziale Stadt herausbildet. Gernot Schaulinski bereitet im Berliner Stadtmuseum derzeit die Ausstellung "Chaos und Aufbruch – Berlin 1920 | 2020" vor, die voraussichtlich im Spätsommer eröffnet.
In dem neuen Buch geben beide Geschichtsexperten einen Überblick, wie ab den 1920er-Jahren ein umfassender sozialer Wohnungsbau betrieben wurde, ein bezahlbarer öffentlicher Nahverkehr eingeführt und das Schulsystem demokratisiert wurde.
Vieles kommt einem heute sehr bekannt vor. So gab esdamals schon eine Mietpreisbremse sowie einen Kündigungsschutz für Familien von Kriegsteilnehmern. Beides wurde sogar schon 1916 erstmalig erlassen und erst 1988 in West-Berlin wieder aufgehoben. 1920 kam ein Wohnungsmangelgesetz hinzu, das Kommunen das Recht gab, freigezogene Altbauwohnungen mit Wohnungssuchenden zu belegen. 1922 folgte das Reichsmietgesetz, das die Miethöhe regulierte. Die Siedlungen mit Sozialwohnungen, die das Elend beheben sollten, prägen zum Teil bis heute das Berliner Stadtbild und zählen inzwischen zum Weltkulturerbe.
Printexemplare sind kostenfrei in der Berliner Landeszentrale für politische Bildung, Hardenbergstraße 22-24, erhältlich. Das Besuchszentrum hat Mo, Mi, Do und Fr von 10-18 Uhr geöffnet.

Neues Online-Portal zur Stadtgeschichte


Anlässlich des Jubiläums von Groß-Berlin gibt ein neues Online-Portal "1000x Berlin" Einblicke in eines der wichtigsten Kapitel der Berliner Stadtgeschichte. 1000 Fotografien aus den Sammlungen der Bezirksmuseen sowie des Stadtmuseums zeigen, wie sich die Stadt von 1920 bis zur Gegenwart verändert hat.

150 thematische Fotoserien von "Berlin bewegt sich" über "Berlin wohnt" bis "Berlin vergnügt sich" sowie 50 illustrierte Biografien von Berlinern erzählen vom Wandel der Stadt. Besucher des Portalswww.1000x.berlin  können zudem durch das Hochladen eigener Fotografien ihr persönliches Berlin für andere sichtbar machen. neu