Es gibt viele Alternativen, um sich in der Hauptstadt ohne eigenes Auto fortzubewegen: U-Bahn, S-Bahn, Straßenbahnen und Buslinien bilden ein dichtes Netz, daneben bevölkern Heerscharen von Radfahrern und Taxis die Straßen. Und selbst auf kleinen Nebenstraßen verteilt sich eine Flotte von Car-Sharing-Fahrzeugen. Eigentlich ist da kaum noch Platz für neue Vehikel.
Tom Kirschbaum klappt seinen Laptop auf und klickt sich durch dynamische Grafiken, die eine Software berechnet hat. Der Gründer des Start-ups "Door2Door" zeigt eine digitale Karte, auf der rote Flecken symbolisieren, wo besonders viele Fahrgäste eine Verbindung zu einem bestimmten Ziel gesucht haben. Beispiel Tegel: "Hier sieht man wunderbar, dass die bestehenden Buslinien an der konkreten Nachfrage vorbeiführen", sagt er. Dies zeige sich auch bei anderen Destinationen.
Die Firma ist vor drei Jahren angetreten, die bestehenden ÖPNV-Verbindungen zu einem digitalen Teppich zusammenzuknüpfen. Am Ende wurde eine App veröffentlicht, in der die schnellsten Transportmöglichkeiten zu bestimmten Zeiten aufgelistet sind. Basierend auf dieser Plattform wurde ein Modellprojekt entwickelt: "Allygator Shuttle". Im August starteten Kleinbusse, die Fahrgäste durch Berlin transportieren. Nur fünf Cent pro Kilometer werden fällig. Das ist weit günstiger als ein BVG-Ticket.
Nunmehr, nach drei Monaten, kann Kirschbaum ein erstes positives Fazit ziehen: Das neue Verkehrsmittel funktioniert. Vorläufig werden ein Dutzend schwarze Vans eingesetzt, die über eine Smartphone-App angefordert werden können. Die Nutzerzahl ist begrenzt, zudem wird der Service bislang nur am Wochenende innerhalb des S-Bahn-Rings angeboten. Ein Computer nimmt Startpunkte und Ziele auf, berechnet die effektivsten Routen, damit möglichst viele Fahrgäste transportiert werden können. Diese bilden eine Fahrgemeinschaft für kurze Zeit. In der Pilotphase habe man sich stark einschränken müssen, sagt Kirschbaum. Letztlich würden die Fahrer gut entlohnt. Und der Tarif ist alles andere als kostendeckend.
"Wir wollen das Nahverkehrssystem nicht kannibalisieren, wie manche unserer Konkurrenten, sondern sinnvoll ergänzen", verdeutlicht Kirschbaum. "Unser Ziel ist, mit kommunalen Verkehrsunternehmen zusammenzuarbeiten." Nach seiner Ansicht könnten intelligente Lückenschlüsse im Nahverkehr dazu führen, die Zahl der Autos deutlich zu minimieren. "Sie bieten für die Besitzer in der Großstadt vor allem Bequemlichkeit", sagt der 41-jährige Gründer, der Jura studiert und für Fahrzeughersteller gearbeitet hat. "An diesem Punkt setzen wir an, mit einem Transport von Tür zu Tür."
Zum Konzept zählt, die hochkomplexe Software den ÖPNV-Unternehmen für eine Gebühr zur Verfügung zu stellen. Einen eigenen Fuhrpark will "Door2Door" nicht betreiben. Dafür muss Kirschbaum noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Wenn Shuttle-Busse sich in Großstädten etabliert haben, will er auch den ländlichen Raum erschließen - im Fokus steht Brandenburg. "Ich bin überzeugt, dass man mit modernen Technologien die Mobilität auf dem Land neu organisieren kann."
Auf Zustimmung trifft das Konzept bei Branchenverbänden. "Das sind vernünftige Ideen", sagt Lars Wagner vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen. "Aber auch neue Anbieter müssen die geltenden gesetzlichen Regeln einhalten." Eine Konkurrenz befürchtet er nicht. "Wie viele Shuttles müsste man einsetzen, um allein die U2 zu ersetzen? Ich könnte dazu keine Schätzzahl abliefern."