Niklas Mayr sitzt im Auto, als der Anruf kommt. Er quatscht gerade mit seiner Freundin, da klingelt sein schwarz glänzendes Smartphone. Am anderen Ende sein Freund und Studienkollege Martin Schmitz. Begrüßung, kurzer Wortwechsel, dann der Aufschrei. "Wir haben gewonnen!"
Und zwar nicht irgend etwas. Die Landschaftsarchitektur-Studenten der Technischen Universität haben einen der renommiertesten Architektur-Wettbewerbe gewonnen - den Schinkelpreis. Dieser ebnet den 28- und 27-Jährigen den Weg zu den Landschaftsarchitektur-Büros Deutschlands. Denn die beiden haben sich beim mit 2500 Euro dotierten Preis des Architekten- und Ingenieur-Vereins gegen 365 Teilnehmer aus dem In- und Ausland durchgesetzt. "Und das alles mit unserer Top-oder Flop-Idee", sagt Niklas und lächelt.
Der blonde Student mit den blank geputzten Schuhen und dem himmelblauen Hemd sitzt zusammen mit Martin Schmitz im vierten Stock eines TU-Gebäudes an der Straße des 17. Juni. Der Raum ist vollgestopft mit Architektur-Büchern, der Blick aus dem Fenster offenbart ein Panorama aus Hochhäusern und barocken Bauten, Autos rasen so flink wie Ameisen vorbei. Doch statt aus dem Fenster blicken die im Raum versammelten Studenten auf eine Leinwand, über die Grafiken flackern. Martin und Niklas stellen ihren Kommilitonen gerade ihr Konzept für den Flughafen Tegel vor. Dies - also das Gelände Tegels umzugestalten - war nämlich die Aufgabe, die sie im Rahmen des Wettbewerbs erfüllen mussten.
Martins und Niklas` Idee: Den Flughafen bewalden, grüne Wiesen kreieren, aber genauso auch Aussichtstürme, Cafés und Spielflächen schaffen. Ein Erholungsgebiet eben. Das Besondere: Die Wälder sollen nicht angelegt werden, sondern natürlich entstehen. Indem über die Jahre die Grünflächen, die ohnehin bereits in Tegel existieren, wild anfangen zu wachsen. Irgendwann verschmelzen die mit Birken, Gräsern und Kraut zugewachsenen Flächen dann zu einer Einheit mit dem Tegeler Forst, der durch Wege mit dem Flughafengelände verbunden wird. "Dennoch lenken wir auch den Wuchs", erklärt Martin Schmitz. "In Zusammenarbeit mit dem Forst werden wir sehen, welche Bäume wo wachsen und dann entscheiden, wo welche Pflanzen hinkommen." Während er erzählt, die Folien Klick für Klick aufleuchten lässt, sprechen die Augen des schwarzhaarigen Studenten Stolz. Über die Idee, die Umsetzung, den Preis. "Dabei musste ich dich ganz schön überreden", sagt Niklas zu Martin und linst aus den Augenwinkeln zu seinem Freund rüber. "Ja, ich hatte bereits im letzten Jahr mitgemacht. Und da sind wir drei von fünf Runden weit gekommen. Und dann ausgeschieden. Das hat ganz schön an mir genagt", sagt der 27-jährige zugezogene Berliner. Dann hat ihn Niklas aber doch überzeugt, mit einem gemeinsamen Blick auf die Homepage des Wettbewerbs - und einem Bier in der Studentenküche.
Etwa drei Monate haben die angehenden Landschaftsarchitekten an der Fertigstellung gearbeitet, sich mehrere Male pro Woche getroffen, aber auch viel online ausgetauscht. "Das geht einfach per Internet. Ich gebe meinen Entwurf in eine Dropbox und schon kann sich Martin den anschauen und kommentieren", meint Niklas. Stift und Zeichenpapier sind etwas für die Landschaftsgärtner Ludwigs des XIII. in Versailles, heute benutzen Niklas und Martin den Kuli höchstens noch, um ihre Wettbewerbs-Unterlagen postalisch abzuschicken. Auf dem Laptop, den Martin vor sich auf dem Tisch stehen hat, blinkt ein Bild auf. Darauf eine Winterlandschaft, schneebedeckte Bäume, eine Frau, die einen Schlitten auf der vereisten Tegeler Landebahn zieht. "An dieser Animation haben wir eine Woche gearbeitet", sagt Niklas. Eine Woche Elemente reinziehen, jeden Baum einzeln mit Eisblumen verzieren, mit einem Glimmer-Effekt bestäuben.
Als sie den Jury-Mitgliedern des Schinkelpreises ihren Entwurf vorstellten, brach es auch einem der Juroren heraus: "Das ist wohl der realistischste Entwurf, den wir hier hatten." Realistisch deshalb, weil es die Struktur des Geländes mit dem anliegenden Tegeler Forst unmittelbar aufgreift. Und finanzierbar ist. So sagt die Dozentin für Landschaftsarchitektur Professor Cordula Loidl-Reisch: "Bezüglich der Finanzen liegt das Modell eher im niedrigen Bereich."
So bescheiden die Gelder, die die Studenten für das Projekt eingeplant haben, so bescheiden sind sie selbst, was ihre Zukunft angeht. Nicht das Gelände um das World Trade Center, nicht einen riesigen Park in Schanghai wollen sie gestalten. Für seine Zukunft wünscht sich Niklas: "Ich will eine Karriere, wo ich selbst meine Projekte bestimmen kann. Die können ruhig hier in Berlin sein. Und eine Familie mit meiner Freundin", und Martin ergänzt: "Und ich will es mal etwas romantisch ausdrücken. Ich will einfach nur frei, nicht an Budgets gebunden sein."
Mit ihrem Tegel-Projekt haben die beiden den ersten Schritt dazu gemacht. Jetzt muss sich nur noch Flughafen-Chef Hartmut Mehdorn davon überzeugen lassen, Tegel auch wirklich zu schließen. Wenn er dies tut, dann ist Berlin um einen Park, dann ist Berlin um zwei Visionäre reicher.