Erstmals haben sich Forscher aus einer kulturellen Perspektive mit den Unterschieden zwischen Ost und West beschäftigt. Was sie gefunden haben, sind Parallelen zwischen Ostdeutschen und Muslimen.
Dass Ostdeutsche wirtschaftlich ähnlich benachteiligt sind wie Migranten, ist schon länger bekannt. Das zeigt sich bei der Einkommensverteilung ebenso wie bei der Besetzung von Spitzenposten. Erst vor kurzem hatte eine Untersuchung darauf hingewiesen, dass keine einzige Universität von einem Ostdeutschen geleitet wird. Auch die aktuelle Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) bestätigt das: Demnach sind Ostdeutsche und Migranten in den untersten Einkommensgruppen überrepräsentiert, während beide Gruppen unter den Spitzenverdienern seltener auftauchen.
Die DeZIM-Studie, für die mehr als 7200 Menschen befragt wurden, zeigt zudem, dass mit dieser strukturellen Ungleichheit auch eine kulturelle einhergeht. So stimmten 41,2 Prozent der Westdeutschen der Aussage zu, dass sich die Ostdeutschen "ständig als Opfer sehen". Über Muslime sagten dies 36,5 Prozent. Im Interview mit "Zeit Online" erklärt die Soziologin Naika Foroutan, eine der Autorinnen der Studie: "Migranten wie auch Ostdeutsche werden in der Kritik an ihrer Benachteiligung nicht ernst genommen, sondern zu Jammer­ossis oder Opfern degradiert." Dieser Prozess ist so erfolgreich, dass fast jeder dritte Ostdeutsche ebenfalls sagte, dass die Ossis zu viel jammern.
Gleichzeitig werden die strukturellen Benachteiligungen der Ostdeutschen im Westen eher geleugnet. Während 35,3 Prozent der Ostdeutschen über sich sagten, dass sie wie "Bürger zweiter Klasse" behandelt werden, stimmten nur 18,2 Prozent der Westdeutschen dieser Aussage zu. Bei der gleichen Aussage über Muslime gab es diesen Unterschied nicht. "Westdeutsche erkennen die Lage der Ostdeutschen nicht vergleichbar an: Sie ignorieren damit die Wunden der Wiedervereinigung", heißt es im Fazit der Studie.
Folglich wurde auch die Frage nach Quoten in Ost und West unterschiedlich beantwortet. Während es bei Quotenregelungen für Frauen (jeweils mehr als 50 Prozent Zustimmung) und Migranten (jeweils etwa 31 Prozent) keinen Unterschied gab, sprachen sich im Westen nur 23,6 Prozent für eine Ostquote aus. Unter den Ostdeutschen lag die Zustimmung bei 50,3 Prozent.
Kurz vor dem 30. Jahrestag des Mauerfalls und angesichts der  Unterrepräsentanz der Ostdeutschen in Spitzenpositionen ist eine Ostquote in der jüngsten Zeit verstärkt debattiert worden. Während sich etwas Gregor Gysi (Linke) dafür ausgesprochen hatte, wurde sie von anderen Politikern – auch ostdeutschen – massiv abgelehnt. Alt-Präsident Joachim Gauck sprach sich am Montag ebenfalls gegen die Quote aus. Zugleich sprach er aber sehr vielen Ostdeutschen "diesen absoluten Durchsetzungswillen" ihrer Landsleute im Westen ab.