15 Mädchen und Jungen gehören aktuell zu den aktiven Teilnehmern. Sie sind zwischen sieben und zwölf Jahre alt, mögen kuschlige Stubentiger und tun sich normalerweise mit dem Lesen ein bisschen schwer.
Doch wenn sie im Seniorenkatzenhaus sind, scheint ihre kleine Welt in Ordnung zu sein. Dann sitzen sie auf einem weichen Stuhl, lümmeln auf dem Boden oder im Sessel. In den Händen halten sie ein aufgeschlagenes Buch, aus dem sie laut vorlesen. Nur sie und die Tiere halten sich im Raum auf.
Finn aus Lichtenberg war schon drei Mal bei den Katzen und immer mit seiner dicken Fibel. Wenn der zierliche Junge spricht, zieht er unter den Wörtern eine unsichtbare Linie. Langsam verbindet er dabei mit dem Zeigefinger die Buchstaben. Manchmal redet er laut und deutlich, dann wieder sanft. Seine tierische Zuhörerin genießt diesen besonderen Auftritt. Tierpflegerin Miriam Koppe erkennt das an den halb geschlossenen Augen der Katze. "Auch ihre Mundwinkel sind total entspannt", sagt sie. Dennoch lauscht Katze Larissa ihrem Vorleser lieber aus der Ferne.
Ganz anders als Mausi und Männlein. Besonders das Weibchen sucht die unmittelbare Nähe der Kinder. Sie schleicht um die Beine der kleinen Vorleser herum und setzt sich manchmal direkt auf das Buch. Der neunjährige Fips aus Hönow hat das schon erlebt. "Ich streichle sie dann und lese einfach weiter", sagt er. Wie die meisten Teilnehmer, freut er sich jede Woche auf die 30-minütige Lesezeit bei den Katzen.
Zwölf Tiere befinden sich zurzeit im Seniorenhaus: Meistens leben zwei in einem gemütlich eingerichteten Raum. Eine bunte Tür mit großer Glasscheibe trennt die Wohnbereiche von der Katzenküche. "Die bei uns angemeldeten Kinder dürfen sich aussuchen, zu welchem Tier sie möchten", sagt Ulrike Diehl, die ehrenamtlich das Projekt betreut. Wenn der "Wunschzuhörer" aber schon einem Kind lauscht, wird eine andere Katze ausgesucht.
Pflegerin Miriam Koppe ist überrascht, wie gut das Vorhaben ankommt, wie ruhig es dabei zugeht und wie begeistert Kinder und Eltern sind. "Ich merke, dass es Finn weiterbringt, er kann in Ruhe lesen und ist dabei nicht abgelenkt", freut sich seine Mutter Kristine Krieger.
Noch ist das Projekt – die Idee stammt aus Amerika – in der Anfangsphase. Aber schon jetzt wird überlegt, es auf andere Bereiche des Tierheims auszudehnen: Vielleicht im  Katzenvermittlungshaus, in der warmen Jahreszeit auf dem Freigehege oder auch bei den Nutztieren. Denn fest steht: Sowohl Kinder als auch Tiere profitieren von dem Angebot. "Es gibt Studien, die nachweisen, dass rhythmische Stimmen auf Katzen beruhigend wirken", sagt Ulrike Diehl. Viele Tiere hätten Traumata und seien ängstlich. Durch das Vorlesen könnten sie sich annähern und Vertrauen aufbauen. Und die Kinder haben einen Raum für sich alleine. Kein Erwachsener hört zu oder korrigiert. Die Mädchen und Jungen bekommen nach jedem Vorlesen einen Stempel auf ihre Zehner-Karte gedrückt. Wer diese Anzahl erreicht hat, erhält eine Urkunde vom Tierheim.
Anmeldungen sind unterjugendtierschutz@tierschutz-berlin.de oder unter 030-76888119 möglich. Vorgelesen werden kann donnerstags und freitags zwischen 14 und 16 Uhr.

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