"Ich wollte ihn belehren, aber ihn in keiner Weise in dieser Art verletzen", sagt André S. am ersten Prozesstag vor dem Berliner Landgericht. Der ehemalige Edeka-Filialleiter wirkt zerknirscht und reuig. Er senkt den Blick als er schildert, was an dem Sonnabend im September 2016 geschah, als er Eugeniu Botnari beim Stehlen einer Weinbrandflasche erwischte.
Statt die Polizei zu holen, bringt der Filialleiter den Dieb in einen Lagerraum. Dort boxt er ihm mit einem Quarzsandhandschuh, der die Schläge noch verstärkt, mehrfach ins Gesicht. Dann wirft er den stark blutenden obdachlosen Trinker zum Hinterausgang wieder hinaus. Eugeniu Botnari stirbt drei Tage später an den schweren Kopfverletzungen.
"Ich hoffe inständig, dass es nicht meine Schläge waren, die seinen Tod verursachten", sagt André S. und versucht zu erklären, was ihn zu dieser brutalen Selbstjustiz getrieben hat. "An manchen Sonntagen hatten wir bis zu acht Diebstähle", berichtet der 29-Jährige. Mehrere Kollegen vom Wachschutz seien in den vergangenen Monaten bei Attacken und Messerangriffen verletzt worden. Manche Täter hätten trotz Hausverbots und Anzeigen am nächsten Tag wieder im Laden gestanden, der gerade am Wochenende Anlaufstelle der Obdachlosen- und Alkoholiker-Szene ist, schildert der Angeklagte. Die Bundespolizei, die mehrere Bahnhöfe zu betreuen habe, sei nicht immer gleich vor Ort gewesen. "Manchmal waren die Polizisten auch nicht angetan davon, dass wir sie gerufen haben, wenn wir selbst schon die Personalien der Diebe aufgenommen hatten. Es war ein dummer, schleichender Prozess. Vielleicht bin ich dadurch abgestumpft."
Wie sehr, zeigen unter anderem auch Whatsapp-Nachrichten, die André S. nach der Tat einem Kollegen geschickt hat. Darauf sind Fotos vom blutenden Dieb zu sehen. "Guten Appetit, Moldawien zu Gast in Berlin", soll sie der Angeklagte kommentiert haben.
"Diese Nachrichten sind nicht von Bedauern oder Mitleid getragen", sagt der Staatsanwalt am Rande des Prozesses. Er geht nicht von einem Einzelfall aus. Laut Zeugenaussagen sollen in dem Bahnhofssupermarkt auch andere Ladendiebe verprügelt worden sein. Derzeit laufen mehrere Ermittlungsverfahren zu ähnlichen Taten, heißt es von der Staatsanwaltschaft. Sie beschuldigt André S. der gefährlichen Körperverletzung mit Todesfolge. Die Schwere der Schuld muss das Gericht nun mithilfe von Zeugen und medizinischen Gutachtern klären. Am Donnerstag wurde zunächst die Cousine des Opfers gehört. Wenige Stunden nach der Tat war der obdachlose Moldawier bei ihr und ihrer Familie aufgetaucht. "Ich war völlig schockiert, wie er aussah", sagt Marianne S., die sich an ein dickes Gesichts-Hämatom erinnert. Am nächsten Tag hätte ihr Cousin, der bei ihr übernachtete, dann zwei dicke blaue Augen gehabt. "Sein Kopf war plötzlich stark geschwollen. Wir haben gefragt, ob wir einen Notarzt rufen sollen, doch er hat nein gesagt, auch weil er keine Krankenversicherung hatte."
Als Eugeniu Botnari am Montag doch noch in einer Arztpraxis auftaucht und von dort in die Klinik geschickt wird, ist es schon zu spät. Wenige Stunden danach stirbt der 34-Jährige auf der Intensivstation an seinen Verletzungen. Auch über seine Odyssee durch Berlin an den drei Tagen vor seinem Tod soll der Prozess, der bis Ende März angesetzt ist, Aufschluss bringen.