Adam Gusowski ist der Stress der letzten Tage anzusehen. Der Chef des "Clubs der Polnischen Versager" aus Berlin steht auf der Bühne im Babylon-Kino vor dem mit 500 Zuschauern überfüllten Saal. Draußen werden manche weggeschickt, die Eintrittskarten sind alle. Gusowski bittet um Konzentration, um Ruhe, ungewohnt ernst ist der Berufssatiriker. Es geht um ein Politikum, den Film "Smolensk". Zum ersten Mal wird er in Deutschland gezeigt.
Seine geplante deutsche Premiere mischte die Hauptstadt bereits Ende Oktober auf. Die polnische Botschaft wollte den Streifen vor 800 geladenen Gästen im Kino "Delphi" zeigen. Das Kino sagte die Aufführung ab. Aus Sicherheitsgründen, hieß es lapidar. Mancherorts war von Zensur die Rede, als ein weiteres Kino die Premiere verweigerte.
Der Film "Smolensk" handelt von der Flugzeugkatastrophe von 2010 bei der russischen Stadt Smolensk, als der Regierungsflieger abstürzte, und den polnischen Präsidenten, Lech Kaczynski mit Ehefrau, sowie weitere 94 Passagiere - darunter hochrangige Militärs und Politiker - mit in den Tod riss. Die Polen waren auf dem Weg nach Katyn, um der dort von den Sowjets 70 Jahre zuvor ermordeten polnischen Offiziere zu gedenken. Über die Unglücksursache bei schlechtem Wetter und einem dafür nur unzureichend ausgestattenen Flugplatz gibt es bis heute Streit und Spekulationen. Die rechtskonservative Regierung spricht von einem Anschlag, hinter dem der russische Geheimdienst stecken soll.
"Mir ist bewusst, dass der Absturz eine Tragödie ist und auch eine bleibt - es ist aber eine zweite Tragödie, was man daraus macht", sagt Gusowski, der sich seit Tagen gegen Hass-Mails und Anrufe polnischer Nationalisten wehren muss. Der Vorwurf: Er wolle den Film bloßstellen und die Tragödie auslachen. "Wenn wir den Film nicht zeigen, wird die Stimmung noch aufgeheizter. So lassen wir aus diesem Propaganda-Ballon die heiße Luft raus: Wir zeigen den Film wie er ist. Er entlarvt sich selbst", sagt Gusowski.
Das Vorhaben ist gelungen. Zwar kamen viele Zuschauer mit vorgefertigter Meinung zur Premiere, einer schrie "Propaganda" durch den Raum, bevor der Film anfing - doch die meisten Besucher wollten sich einfach überraschen lassen. Unterlegt mit pathetischer Musik und Archivszenen trägt der Regisseur Antoni Krause dick auf. Das Publikum kann sich an manchen Stellen das Lachen nicht verkneifen, trotz des ernsten Themas. Bei der Abschlussszene, bei der die Opfer des Absturzes auf die ermordeten Offiziere in Katyn treffen und einander grüßen, sind die meisten peinlich berührt.
Christian Schmidt aus Potsdam meint, er hätte sich den Film allerdings noch schlimmer vorgestellt. Dabei ist er einfach nur mittelmäßig. Umso weniger verstehe er, warum manche Berliner Kinos den nicht zeigen wollten. Ein anderer Zuschauer vergleicht den Streifen mit einem saarländischen Tatort: "Kann man, muss man nicht gesehen haben."
Die Diskussion nach der Premiere, die mit viel Augenzwinkern geführt wird, dreht sich um den künstlerischen Wert des Streifens. Adam Gusowski, der polnische Kunsthistoriker Piotr Olszowka und der Berliner Journalist Philipp Fritz sind sich einig: Als Kunstwerk falle er durch; ein schlechter Propagandafilm, der nicht überzeugt.
Das polnische staatliche Fernsehen empört sich in seinem Kommentar zur Premiere, dass die Zuschauer Bier tranken und der würdige Rahmen für den Film nicht eingehalten wurde. Die polnische Botschaft teilt mit, sie sei weiterhin bemüht "Smolensk" in einer offiziellen Aufführung in Berlin zu zeigen.