Schon auf den letzten Stufen des U-Bahnhofs „Stadtmitte“ ist die Veränderung deutlich spürbar. Wer aus dem Untergrund auf die Friedrichstraße tritt, hört plötzlich kein lautes Rauschen, keine Sirenen, kein Gehupe mehr. Mit der Einrichtung der neuen autofreien Zone zwischen Französischer Straße und Leipziger Straße wurde der Lärmpegel auf der bekannten Geschäftsmeile ordentlich runtergefahren. Die Autos sind verschiedenen Sitzmöbeln gewichen, auf denen Passanten nun Kaffee trinken, Touristen vergnügt Selfis machen und so mancher Büro-Mensch seinen Laptop aufklappt. Bäume in Blumenkübeln bringen etwas Grün zwischen die grauen Häuserzeilen. Eine Kita hat eine der neuen Schauvitrinen mit Pflanzen und Bildern gefüllt, in denen sonst die Gewerbetreibenden Schuhe und Kleider ausstellen.

Die Stimmung ist lockerer

„Die Luft ist rein, die Leute sind besser drauf, es herrscht eine lockere Stimmung“, sagt Bilal Harb, der in einem der edlen Geschäfte hochwertige Designer-Möbel verkauft. Allerdings scheint sich die „Flaniermeile Friedrichstraße“ noch nicht so weit herumgesprochen zu haben, vermutet der Angestellte. „Beim Testwochenende vor einem Jahr war viel mehr los“, sagt der Möbelverkäufer. Schon damals wurde ein Abschnitt der Friedrichstraße kurzzeitig für den Autoverkehr gesperrt. Nach langen Diskussionen müssen Autofahrer bis Ende Januar fern bleiben. Während der abgasfreien Monate soll laut Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz die Entwicklung der Verkehrsströme, der Luftqualität, der Lärmbelastung und auch des Einzelhandels beobachtet, gemessen und evaluiert werden.

Der Verkehrsversuch ist sehr umstritten

Das Modellprojekt im Zuge der Berliner Mobilitätswende ist heftig umstritten. Wirtschaftsvertreter hatten schon im Frühjahr gebeten, den Verkehrsversuch auszusetzen. „Durch die Corona-bedingten Schließungen und Einschränkungen kommen der Einzelhandel sowie die Hotellerie und Gastronomie in der Friedrichstraße fast komplett zum Erliegen“, hieß es in einem Appell an die Politik, den die Industrie- und Handelskammer (IHK), der Handelsverband Berlin-Brandenburg, der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) sowie der Händlerverein „Die Mitte“ unterzeichnet hatten.
Doch anderthalb Wochen nach dem Start zeigt sich vor Ort ein anderes Bild. „Wir haben nicht weniger Kunden“, sagt Bilal Harb. Wenn jemand einen der schicken Stühle ins Auto laden will, könne man den Transport über den Hinterausgang gewährleisten, der zu einer der offenen Nebenstraße führt, erklärt der Verkäufer.

Keine wirklich sichere Gehmeile

Wenn es nach ihm und manchen seiner Kunden ginge, hätte man den Verkehrsversuch sogar noch konsequenter durchziehen können, findet Harp und zeigt auf die neuen breiten, mit gelben Markierungen gekennzeichneten Fahrradwege. Obwohl dort Tempo 20 gilt, zischen auch immer wieder Radfahrer vorbei, die anscheinend für die Tour de France trainieren. „Für eine sichere Gehmeile hätte man auch die Radfahrer ausschließen sollen“, meint der Anlieger.
Das findet auch ein Vater, der seine Tochter gerade von der Kita abgeholt hat. „Ich würde mich freuen, wenn sie hier jetzt wirklich frei herumhopsen könnte“, sagt der 40-Jährige, der es sich in einer Sitznische aus Holz und Stahl gemütlich gemacht hat, während seine Kleine ihr Laufrad ausprobiert. Richtig entspannen kann er auch jetzt nicht. „Früher musste man auf die Autos aufpassen, nun darauf, nicht vom Rad über den Haufen gefahren zu werden“, sagt der Anwohner.
„Für die Radfahrer ist das hier natürlich eine enorme Verbesserung“, findet Endrick Schulze. Der Jura-Student hat sich Gnochi mit Schafskäse bestellt, die er nun an einem der neuen Holztische auf der stillgelegten Fahrbahn genießt. Vorher sei er mit dem Rad immer in die Nebenstraße ausgewichen ist, weil ihm Lkws und Busse auf der Friedrichstraße häufig gefährlich nahe gekommen seien, erzählt der 20-Jährige.

Fehlende Alternativen für Autofahrer

Weil er neben seinem Studium ehrenamtlich als Bürgerdeputierter für die CDU in Ausschüssen mitredet, habe er sich die jetzige Situation ganz bewusst einmal anschauen wollen. „Ich habe gemischte Gefühle“, sagt der junge Mann, nachdem er fertig zu Mittag gegessen hat. „Für die Aufenthaltsqualität sind die Bänke zwar ein ganz großes Plus. Aber langfristig kann der Aufbau so auch keine Dauerlösung sein.“ Zu allererst müsste eine Alternative für Autofahrer gefunden werden. Schließlich sei die Friedrichstraße zwischen der Leipziger Straße und Unter den Linden gerade auch für Pendler aus dem Umland, die in den vielen Büros arbeiten, eine sehr wichtige Verbindung. „Meine Idee wäre, zwei Parallelstraßen in Einbahnstraßen jeweils in eine Richtung für einen schnelleren Verkehrsfluss umzuwidmen“, schlägt Schulze vor.

Angenehmer ohne Abgase

„Es ist angenehmer, nicht mehr die ganzen Abgase im Laden zu haben“, sagt die Verkäuferin eines Juweliergeschäfts nur wenige Schritte weiter. Seit die Zone eröffnet wurde, seien wirklich mehr Passanten und Radfahrer unterwegs, hat sie registriert. Mehr Kunden seien es deshalb zwar noch nicht. „Aber auch nicht weniger.“ Sorgen macht sich die junge Berlinerin allerdings, wenn sie an die kalte und nasse Jahreszeit denkt. Vielleicht hätte man ein paar der neuen Open-Air-Sitzgelegenheiten überdachen sollen, überlegt die Schmuckverkäuferin. „Da setzt sich doch keiner mehr hin, wenn es nass und schmutzig ist“.

Projekt wird fünf Monate getestet


Das Projekt „Autofreie Friedrichstraße“ zwischen der Französischen Straße und der Leipziger Straße startete Ende August für einen Zeitraum von fünf Monaten. Im Nachgang wird es ausgewertet. Auf Basis der Erfahrungen soll dann entschieden werden, ob und welche dauerhafte Veränderungen in der Friedrichstraße vorgenommen werden. Für Radfahrer wurde eine zwei Meter breite Durchfahrt je Fahrtrichtung angelegt. Diese so genannte Safety Lane dient im Bedarfsfall auch Rettungskräften für einen zügigen Einsatz. Radfahrende dürfen maximal mit Tempo 20 unterwegs sein. In der Umgebung befinden sich mehrere Parkhäuser, die nun extra ausgeschildert sind. neu