So viel Platz zum Flanieren gibt es nirgends. Die Karl-Marx-Allee ist Berlins breiteste Straße. Doch der viele Platz bleibt ungenutzt. Nur vereinzelt sieht man Fußgänger die Promenade entlang hasten. Nichts scheint sie zum Verweilen anzuregen. Und jetzt, wo auch noch drei U-Bahn-Baustellen den sechsspurigen Verkehrsfluss behindern, wächst der Unmut der Geschäftsleute. „Seitdem sie uns mit Bauzäunen die Parktaschen zugemacht haben, bleiben selbst die Stammkunden weg“, sagt Oliver Gundlach vom Borkokowsky Instrumentenhandel.
„Es gibt an der Allee verhältnismäßig viele Parkmöglichkeiten, wir müssen sie nur sichtbar machen“, hält Julia Kroll dagegen. Die diplomierte Stadt- und Regionalplanerin kennt die Probleme an der Karl-Marx-Allee. Vor Kurzem hat sie zusammen mit ihren Mitstreitern ihr Projektbüro in einem der sogenannten Zuckerbäckerbauten bezogen. Ein Jahr hat das „Management Karl-Marx-Allee“ Zeit, die Aufenthaltsqualität zu verbessern, die Grünflächen zu gestalten, Brunnen zu reaktivieren, für Orientierung zu sorgen. „Das sind manchmal ganz kleine Dinge, die viel bewirken“, weiß Kroll. Straßenschilder mit Hausnummern zum Beispiel. Denn mit ihren zwei Kilometern Länge ist die Karl-Marx-Allee auch furchtbar unübersichtlich.
Auch die Tafeln, die an einzelnen Häusern die Geschichte erzählen, sind schwer zu finden. Schließlich ist die Allee ein Baudenkmal des sozialistischen Klassizismus. Ende der 50er-Jahre ließen die DDR-Oberen zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Tor die palastartigen Gebäude mit Reliefs, Säulen und Türmen errichten, in denen 3000 Wohnungen Platz fanden. Der Baustil wurde aus der Sowjetunion importiert. Stalin liebte das Überdimensionale.
Und so ist es heute ein echtes Problem, die Allee überhaupt zu queren. Fast zweihundert Meter liegen zwischen Hauswand und Hauswand. Und die charakteristischen Keramikkacheln, deretwegen die Straße im Volksmund auch „Stalins Badezimmer“ genannt wurde, lösen sich inzwischen von den Fassaden. Als 1999 ein Teil der Arbeiterpaläste saniert wurde, hatte man die originalgetreuen Keramikfliesen im Dünnbrettverfahren auf einen neu geschaffenen Untergrund geklebt. Eine falsche Technik, wie jetzt ein Gutachter bestätigte. „Doch wer dafür haftet, wenn eine der Kacheln Schaden anrichtet, ist nicht geklärt“, ärgert sich ein Hausbesitzer, der anonym bleiben will.
So ein lebendiges Denkmal zieht nicht nur Touristen an, es bringt auch Probleme mit sich. Die riesigen Ladengeschäfte sind schwer zu vermieten. „Man darf keine Wände einziehen und einen zweiten Eingang freistemmen“, erklärt Lutz Dessau vom Portas Immobilienmanagement.
So sind hinter den hohen Schaufenstern auch oft die typischen „Zu vermieten“-Schilder zu lesen. Neben den alteingesessenen Fachgeschäften, die sich mit Stammkunden über Wasser halten, zieht es vor allem die Kunst- und Galeristenszene in den Friedrichshainer Kiez. „Viele auch gerade internationale Künstler sind bewusst hier her gegangen. Da hat sich in den vergangenen vier Jahren viel getan“, freut sich Dessau, der wie Julia Kroll im Quartiersmanagement sitzt.
Mit den Künstlern, Geschäftsleuten, Hauseigentümern und Veranstaltern wollen sie nun eine Marke für die Allee kreieren, mit der man werben kann. „Eine Position finden, in der Tradition und Moderne koexistieren können“, sagt Julia Kroll. Im Januar soll in der Karl-Marx-Allee das Computerspiele Museum Berlin eröffnet werden. Für die Stadtplaner ein Lichtblick. Genauso wie die Rückkehr der markanten „Zierfische“-Leuchtreklame. Die Neon-Buchstaben, die schon zu DDR-Zeiten ein Hingucker waren, wurden im vergangenen Jahr demontiert, als die Zoohandlung nach 52 Jahren schließen musste. Nun wird der Schriftzug samt Leuchtfischen in einer Einzelausstellung in der Karl-Marx-Allee 85 präsentiert.
Auf diese Weise werden nun auch verwaiste Schaufenster belebt. „Wir wollen, dass die Einkaufstraße in der Weihnachtszeit in einem anderen Licht erstrahlt“, sagt Julia Kroll. Jenseits der üblichen Lichterketten, Engel und Weihnachtsmänner.