Winfried Ehling ist ein betagter Testfahrer. Der 93-Jährige wollte noch einmal wissen, wie es sich anfühlt, am Steuer zu sitzen. Mit festem Griff umklammert er das Lenkrad des Ford Focus, immer wieder bemüht, kleine Schlenker auszugleichen. "Ich bin das letzte Mal im Krieg gefahren", sagt der 93-Jährige. Das eigene Auto lenkte in den vergangenen Jahrzehnten seine Frau.
Selbst wolle er kein Fahrzeug durch den Großstadtverkehr bugsieren. "Es herrscht ein Tohuwabohu auf der Straße, ich würde verrückt werden", sagt der Berliner. Viele Jahre hat Ehling als gelernter Großkaufmann bei Daimler Benz gearbeitet, Fahren gehörte nicht zum Job. Sein virtueller Ausflug ist nun schnell beendet: Der Rentner touchiert seitlich einen Laster.
Rund 120 Berliner und Brandenburger im Alter von 60 bis 76 Jahren wurden in den vergangenen Wochen von der Charité-Forschungsgruppe Geriatrie in Berlin-Reinickendorf auf ihr Fahrvermögen getestet. Dabei kamen unter anderem Reaktionsgeschwindigkeit, Kopfbeweglichkeit und Sehvermögen auf den Prüfstand. Die Wissenschaftler gewannen umfangreiche Daten.
"Fahren im Alter wird immer wieder von hitzigen Diskussionen bestimmt", begründet Nina Köster die Notwendigkeit des Projekts. Die meisten fühlen sich noch fit für das Auto und können Defizite durch Erfahrung ausgleichen. Dies hat die Testreihe bestätigt. "Dramatisch schlecht waren die Ergebnisse bei niemanden", sagt die Psychologin.
Kleine Unfälle waren für die Studie sogar erwünscht. Da neben dem Fahrverhalten auch Herzschlag, Atmung und Augenbewegung der Senioren gemessen wurden, erhoffen sich die Experten einige Rückschlüsse für die Entstehung von Fehlern am Steuer. Noch sind nicht alle Testreihen ausgewertet.
Einige Statistiken schon: So beherrschte jeder vierte Proband den Schulterblick nicht mehr. Zahlreiche Tücken wurden in den Simulator einbaut. Hunde hetzen plötzlich über die Straße, abbiegende Lkw nehmen die Vorfahrt. Der vorausfahrende Kombi fällt durch problematische Lenkmanöver auf. Meist hilft nur die Vollbremsung. Nur das Wetter ist ideal: Die Sonne scheint. "Manche Teilnehmer haben das als Spiel gesehen, andere bekamen richtig Prüfungsangst", berichtet Köster.
Schwierigkeiten gab es zudem für mehr als die Hälfte der Testfahrer, schnell auf neue, zeitgleiche Situationen zu reagieren. Ebenso wurden bei hohen Geschwindigkeiten einige Unsicherheiten gemessen. Der Blick auf die schnell ablaufenden Bilder sorgte bei anderen für Übelkeit.
Dennoch würde Köster auch bei der Vorstellung der Studie kein negatives Urteil über die Fahrleistung fällen. Dafür fehlten Vergleichswerte, es sei vorerst Grundlagenforschung betrieben worden, sagt sie. Und den von Politik immer wieder geforderten Führerschein-Check für Senioren hält sie nur dann für sinnvoll, wenn dieser an bestimmte Risiken wie schwere Krankheiten und nicht ans Alter gekoppelt ist.
Gesundheitschecks sind in anderen Ländern schon vorgeschrieben. So müssen in Frankreich über 60-Jährige alle zwei Jahre eine Verlängerung des Führerscheins beantragen, in der Schweiz und Italien sind ab 70 wiederkehrende ärztliche Untersuchungen vorgeschrieben. Hierzulande wird über ein Führerschein-TÜV hitzig diskutiert.
Befeuert werden die Diskussionen nach schweren Unfällen: So raste im September eine 80-Jährige in Wuppertal mit ihrem Pkw in eine Fußgängergruppe. Zwölf Menschen wurden verletzt. Die Statistiken sind indes widersprüchlich. Nach Angaben von Unfallforschern steigt ab 75 Jahren die Zahl von dramatischen Fahrfehlern rapide an. Andere Zahlen belegen, dass Senioren weniger bei Verkehrsdelikten auffallen als junge Fahrer.
Um die Folgen des Alters auch in anderen Bereichen abzumildern, wird in dem Forschungsgebäude auf dem Gelände des Geriatriezentrums seit Jahren an neuen Technologien gearbeitet - etwa virtuelle Begleiter im öffentlichen Raum. Die mit dem Simulator gewonnenen Daten sollen in die Entwicklung von elektronischen Fahrassistenten einfließen. "Viele Senioren können mit modernen Hilfsmitteln heute ein selbstbestimmtes Leben führen", sagt Mehmet Gövercin, Leiter der Forschungsgruppe. Technik könnten diese durchaus ins Herz schließen. "Sie muss intuitiv bedienbar sein und darf gleichzeitig nicht stigmatisierend wirken."
Als Beispiel führt er Seniorenhandys an, die sich schlecht verkaufen. Ebenso hatten ältere Frauen in Studien angegeben, dass sie einen Sturzsensor nur dann tragen würden, wenn dieser als Schmuck gestaltet und nicht in seiner Funktion erkennbar sei. Viele betagte Menschen lehnen Gövercin zufolge auch eine ärztliche Überwachung in den eigenen vier Wänden ab. "Wer jedoch mehrfach gestürzt ist, akzeptiert auch Kameras."
"Smart Senior" heißt ein ambitioniertes Projekt der Forscher, das im Herbst abgeschlossen wurde. Viele neue Technologien stehen laut Gövercin kurz vor der Marktreife. Für einen Fahrassistenten gibt es allerdings noch rechtliche Hürden, etwa bei Haftungsfragen. "Dabei kann Technik schon heute schwere Unfälle vermeiden."
Das Unfallrisiko beim Laufen messen die Experten in einem neben dem Fahrsimulator gelegenen Raum. Sensoren und Kameras erfassen dort die Bewegungen - damit wird offensichtlich, ob ein Patient sturzgefährdet ist. "Wir führen hier einen Kampf gegen Tabus", sagt Markus Zens, Pressesprecher des Geriatriezentrums. "Niemand offenbart seine Gebrechen gerne freiwillig."
Zens verweist auf 20000 Hilfsmittel für Senioren, die bereits auf den Markt sind. Einige wurden in dem Forschungsgebäude mit entwickelt. Medizinstudenten wiederum lernen dort auch in Altersanzügen, ihre mitunter gehbehinderten, schwerhörigen oder sehschwachen Patienten besser zu betreuen. "Wir sollten alte Menschen nicht vorschnell abschreiben." Dies gelte auch beim Fahrvermögen.