„Die Ausstellung will das Publikum mit der Aktualität von Tschernobyl konfrontieren.“ Diese Absichtserklärung stand 2009 in der Projektbeschreibung der Schau „Straße der Enthusiasten“. Dass sie zwei Jahre später durch die Ereignisse in Japan nicht mehr nötig sein würde, konnten die Ausstellungsmacher damals nicht wissen. Doch diese Art von flüchtiger Aktualität, die die Bilder aus Fukushima hervorrufen, habe der Satz damals auch gar nicht gemeint, sagte Kurator Walter Mossmann gestern bei der Eröffnung in der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung. Der Satz beziehe sich vielmehr auf die zeitliche Dimension der Katastrophe. „Der GAU von Tschernobyl ist auch nach 25 Jahren noch nicht beendet“, erklärte Mossmann. „Innerhalb und außerhalb der Sperrzone fahren wir immer noch durch verstrahltes Land. Die Dörfer und Städte dort sind auch heute noch nicht bewohnbar. Weit und breit keine Spur von Wiederaufbau.“
Dieses unbewohnbare Land haben die Fotografen Robert Polidori und Andrij Krementschouk festgehalten. Krementschouk, gebürtiger Russe, der in Leipzig lebt, war 13 Jahre alt, als Block 4 explodierte. Damals wurden nicht nur Teile der Ukraine, Weißrusslands und Russlands verstrahlt. Die radioaktive Wolke überzog halb Europa. Die Katastrophe war aber nicht nur ökologischer Natur. Rund 350 000 Bewohner mussten mehr als 400 Dörfer, Weiler und mehrere Städte für immer verlassen.
Die Fotografen haben die menschenleere Stadt Prypjat und die verlassene Zone viele Jahre später erkundet. Ihre Bilder zeigen unter anderem verwaiste Klassenzimmer und alte Bauern, die trotz der Gefahr auf ihre Gehöfte zurückgekehrt sind. Während der Kanadier Polidori die Zerstörung und den Verfall streng dokumentarisch festhält, sucht Krementschouk die Begegnung mit Menschen. Die beiden unterschiedlichen Fotoserien werden von Versen der ukrainischen Dichterin Lina Kostenko untermalt. Im Gegensatz zu den zugereisten Fotografen weiß sie genau, was sie in der Zone verloren hat, ist sie doch im Oblast Kiew zuhause.
Die Stadt Prypjat wurde 1970 für die Beschäftigten des rund viereinhalb Kilometer entfernten Atomkraftwerks Tschernobyl aus dem Boden gestampft. Sie galt als hochmoderne, junge sowjetische Modell-Stadt und hatte in Spitzenzeiten bis zu 48 000 Einwohner. Der Name der Ausstellung bezieht sich auf die „Straße der Enthusiasten“, die es in Prypjat wirklich gab. Die Stadtgründer verwiesen mit der Benennung 1970 auf den historischen Enthusiasmus der ersten sowjetischen Industrialisierung, mit dem Stalin schon Ende der 20er Jahre die Massen zu mobilisieren wusste.
Einen ähnlichen fortschrittsgläubigen, fast schon religiösen Eifer löste auch die Atomkraft Anfang der 1970-er Jahre in der Sowjetunion aus. Plakate, Filme sowie Panorama-Fotos vom Aufbau Prypjats zeugen von dem herzzerreißenden Optimismus und der Ahnungslosigkeit der Menschen. Nur 16 Jahre später nahm die Stadtgeschichte ihr abruptes Ende.
Die von Diskussionsrunden begleitete Ausstellung anlässlich des 25. Jahrestages von Tschernobyl wollte ursprünglich auch die Frage nach einer weltweiten Renaissance der Atomkraft aufwerfen. Eine Frage, die nach Fukushima erst einmal beantwortet sein dürfte.
Die Ausstellung „Die Straße der Enthusiasten“ ist von heute an bis zum 20. April (Mo-Do 9-20 Uhr, Fr 9-14 Uhr, So 15-19 Uhr) in der Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstraße. 8, in Berlin-Mitte zu sehen.