Dass Simon Rehle nun in diesem für ihn faszinierenden Bauwerk aktiv werden darf, kann er immer noch nicht richtig fassen. "Es ist mein Taumjob", sagt er lächelnd.
Denn bisher war der hochgewachsene, sportliche junge Mann in der ganzen Welt beruflich unterwegs: Hat Bootsbauer gelernt, auf internationalen Werften gearbeitet und bis vor Kurzem noch als Industriekletterer Windanlagen erklommen, um Reparaturen durchzuführen. Irgendwie beeindruckte ihn die Windkraft seit seiner Jugend. Umso schöner sei es, wieder mit der Kraft des Windes in Berührung zu kommen. Denn tatsächlich wird die Marzahner Mühle noch aus dieser natürlichen Kraftquelle betrieben. "Sie kann das aber auch elektrisch", sagt Simon Rehle.
Für ihn sei seine neue Aufgabe viel mehr als nur ein Job: "Ich bin Handwerker mit Herzblut und liebe es, mit meinen Händen etwas Bleibendes zu schaffen", sagt er. Außerdem "brenne" er darauf, ganz viel zu lernen. Mit Frederic Schüler, dem Müller von Sanssouci, steht ihm ein erfahrener Mentor zur Seite. "Er war schon ein paar Mal hier und hat mir eine Menge erklärt", berichtet Simon Rehle.
Andreas Plank, Geschäftsführer vom Verein  Agrarbörse Deutschland Ost, und Grit Simon, Chefin vom benachbarten Tierhof Marzahn, sind überzeugt, der wissbegierige junge Handwerker sei genau der richtige Mann für die alte Mühle. "Natürlich müssen wir uns erst noch kennenlernen und aufeinander einstellen", sagen beide. In diesen Zeiten sorge Corona sogar für einen positiven Effekt: Denn durch die vielen Einschränkungen habe der Müller mehr Zeit, sich intensiv mit allem Drum und Dran vertraut zu machen.
Fest steht bereits jetzt: Die Agrarbörse, die seit Jahren den Tierhof betreibt und nun  ebenso für die Bockwindmühle zuständig ist, will die Zusammenarbeit zwischen Mühle und Tierhof intensivieren: Allein durch die Nähe beider Einrichtungen biete sich das an. Außerdem befinden sich auch Werkstatt und Büro des Müllers auf dem Tierhofgelände.
So planen die Verantwortlichen unter anderem, Feste gemeinsam zu gestalten. Bereits Ende des Jahres soll in dem Lehrgarten im Dorf Marzahn Wintergetreide in die Erde kommen. Und im Frühjahr 2021 sollen unter anderem Veranstaltungen wie "Lernen durch Anfassen" beispielsweise für Kitas und Schulen starten. Kinder und Jugendlichen können dann beim Mahlen zuschauen, erfahren wie Getreide wächst und verarbeitet wird.
Sobald es möglich ist, werden wieder die beliebten Mühlenführungen angeboten. Trauungen finden nach wie vor statt – vollzogen durch einen Standesbeamten. Simon Rehle wird diese Zeremonien künftig ebenfalls begleiten. "Ich habe schon viele Ideen, die ich in das gesamte Mühlen-Konzept einbringen werde", sagt der in Augsburg geborene Rehle, der seit vier Jahren in Berlin lebt.
Zu seinem Marzahner Arbeitsplatz fährt er von Friedrichshain mit dem Rad. Nach der Ankunft dreht er zunächst eine Runde um den Holzbau und schaut, ob alles in Ordnung ist. Dann geht es die Treppe nach oben ins Mühlenhaus. Die Tür lässt er offen, damit frische Luft ins Innere strömt. Seinen ersten öffentlichen Auftritt im Dorf Marzahn wird er voraussichtlich beim Erntefest oder am Martinstag haben.

Vorbilder aus dem 19. Jahrhundert


Die heutige Bockwindmühle ist von 1993 bis 1994 auf einem in den 1980er-Jahren aufgeschütteten Hügel an der Landsberger Allee errichtet worden. Als Vorbild dienten den holländischen Konstrukteuren die märkischen Windmühlen des 19. Jahrhunderts. Einige Bauteile sind sogar aus über 500 Jahre altem Holz. bey