Der Weg von der Neuen Krugallee bis zum ehemaligen Haupteingang des Spreeparks ist lang. Es geht vorbei an alten Bäumen und hoch gewachsenen Sträuchern. Irgendwann scheint dann das 45 Meter hohe Riesenrad durch die Äste. "Und die Vorfreude auf den besonderen Ort an der Spree wird spürbar größer", sagt Christopher Flade. So lange er zurückdenkt, war das bei ihm jedenfalls so.
Doch in diesen Tagen will sich das bekannte Gefühl einfach nicht einstellen. Je näher der 26-Jährige dem verlassenen Areal kommt, desto "beschissener" fühle er sich, gibt Flade zu. Er sieht den neuen, grünen Zaun, den der Liegenschaftsfonds dort vor Monaten anbringen ließ und schüttelt den Kopf: "Dahinter sieht es viel schlimmer aus, als je zuvor und es wird momentan aus meiner Sicht nichts getan, um das zu verändern", ärgert sich der Fan.
Stattdessen wurden vom neuen Eigentümer, dem Land Berlin, mit dem Rückkauf des Parks sämtliche Veranstaltungen gestrichen. Es gibt keine Theatervorstellungen, kein geöffnetes Café, keine Parkbahnfahrten und keine Führungen auf dem Areal. Mit solchen Events hatten Flade und andere, die nicht wollten, dass der einstige Vergnügungspark in Vergessenheit gerät, versucht, wieder Leben in den kaputten, verwunschenen und überwucherten Ort zu bringen.
Eine Spreepark-Fan-Seite betreibt Christopher Flade seit 2003. Schon damals war für ihn der Vergnügungspark der schönste Ort der Welt, den er mit den tollsten Kindheitserinnerungen verband. "Ich habe meine Eltern früher ständig genervt, bis sie mit mir dorthin fuhren", erzählt er. Jedes Fahrgeschäft war ihm vertraut. Er freundete sich mit den beiden Clowns Hops und Hopsi an, lernte jonglieren, kannte Imbissbudenbetreiber sowie andere Mitarbeiter persönlich und verbrachte als Jugendlicher "jede freie Minute auf dem Gelände an der Spree".
Als sich die Tore des Parks 2001 schlossen, zog es den Tempelhofer trotzdem wieder an seinen Sehnsuchtsort zurück. Begeisterte Leser der Fan-Seite animierten ihn schließlich, Führungen zu initiieren, die er gemeinsam mit der damaligen Sicherheitsfirma anbot. Genau 739 Mal spazierte er seit 2008 an den Wochenenden mit Interessierten durch Rummel-Reste und verwilderte Natur. "Es waren jedes Mal ganz besondere Begebenheiten mit fremden Menschen, die ihre eigenen Erinnerungen an den 1969 eröffneten Kulturpark und später den Spreepark hatten", sagt Flade.
Manchmal brachten Teilnehmer Fotoalben mit und die gemeinsamen Spaziergänge wurden zur Vorher-Nachher Schau. Christopher Flade vermischte seine eigenen Erinnerungen mit den Geschichten von Freunden und Mitarbeitern des Parks und zog die Zuhörer regelrecht in seinen Bann. Er legte viele Stopps ein, an Looping- und Wildwasserbahn und natürlich am Riesenrad. Und während die Auslöser der Fotoapparate und Handys klickten, beantwortete er viele Fragen.
Nur eine, immer wieder gestellte, konnte natürlich auch der junge Mann nicht beantworten. "Wie geht es weiter mit dem Spreeparkgelände", wollten die Besucher wissen. Manchmal verblüffte der Verwaltungsangestellte Christopher Flade, der in seiner Freizeit durch den Park führte, die Anwesenden. Wenn er beispielsweise berichtete, dass zu DDR-Zeiten 3000 Parkplätze zum Kulturpark gehörten. Er schlichtete auch Ehestreitigkeiten: So behaupteten meistens Frauen, das Riesenrad hatte früher runde Gondeln. Der Experte gab ihnen Recht, denn das jetzt noch vorhandene Fahrgeschäft wurde erst 1989 aufgestellt.
Fasziniert beobachteten die Führungsteilnehmer jedes Mal den roten Koloss: wie er sich gespenstisch quietschend durch den Wind bewegte. Dicht herantreten kann dort nun offiziell niemand mehr. Nur noch durch den Zaun schauen. Christopher Flade bietet gelegentlich Außenrum-Führungen an. Darum bat ihn ebenfalls wieder die Internet- und Facebook-Fangemeinde. Aber das seien eben ganz andere Veranstaltungen als früher, sagt er. Die dauern zwar ebenso zwei Stunden, werden allerdings mit reichlich Bildmaterial ergänzt. Manchmal läuft sogar jemand mit, der schon bei seinen direkten Rummel-Führungen dabei war.
Einen Wunsch erfüllte sich der Tempelhofer jetzt selbst. Mit einem Freund, Philipp Messinger, drehte er einen Spreepark-Film und brachte eine Doppel-DVD heraus. Gezeigt werden Führungs-Ausschnitte, Archivaufnahmen von damals und heute sowie Interviews mit einstigen Darstellern und Mitarbeitern. Gern würde Christopher Flade auch wieder Besucher direkt durch den geschichtsträchtigen Ort im Plänterwald führen. Nach eigener Aussage schlug er dem Liegenschaftsfonds schon 20 Gesprächstermine vor.
Bestätigen kann das Pressesprecherin Marlies Masche nicht. Sie kündigt aber eine Ausschreibung an, die der Liegenschaftsfonds Anfang 2015 startet: "Wir suchen einen Dienstleister, der wieder Führungen auf dem Gelände übernimmt." Letztlich kann das nur eine Zwischenlösung sein. Nach den Plänen des Bezirks Treptow-Köpenick und des Senats soll auf dem Grundstück wieder ein "hochwertiger, umweltverträglicher Kultur- und Freizeitpark" entstehen.