Am Montag fand am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Friedrichsfelde die Sektion des verstorbenen Eisbären Knut statt. 
Am Dienstag legten die Pathologen ihre ersten Untersuchungsergebnisse auf den Tisch. Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz sprach von deutlichen Veränderungen des Gehirns, die als Grund für den plötzlichen Tod des Eisbären angesehen werden können. Andere Organveränderungen hätten die Veterinäre nicht festgestellt. Weitergehende Untersuchungen würden noch mehrere Tage in Anspruch nehmen. Der Zoo versprach aber, die Öffentlichkeit umgehend über das endgültige Ergebnis zu informieren.
Publikumsmagnet Knut war am Sonnabendnachmittag im Alter von nur vier Jahren in seinem Gehege ohne vorherige Anzeichen einer Krankheit zusammengezuckt, ins Wasser gestürzt und gestorben. Zahlreiche Besucher hatten den Tod gegen 15 Uhr miterlebt. Im Internet kursiert mittlerweile ein Video, das die letzten Minuten von Knuts Leben zeigt. Dort ist zu sehen, wie er sich erst mehrmals im Kreis dreht und anschließend unkontrolliert ins Wasser fällt.
„Plötzliche und frühzeitige Todesfälle hat es in der Vergangenheit auch bei Verwandten von Knut in verschiedenen Zoos immer wieder gegeben“, sagt Tierrechtler Frank Albrecht aus Nürtingen in Baden-Württemberg. Er geht davon aus, dass Knut vermutlich unter einer Erbkrankheit als Folge von Inzucht litt, die im Zusammenspiel mit Dauerstress zum Tode führte. Im Internationalen Zuchtbuch für Eisbären sei er auf Inzest-Praktiken bei der Zucht von Eisbären in Zoos gestoßen. Lars, der in München geborene Vater von Knut, sei nachweislich durch Inzest gezeugt worden. Dessen Vater Michi habe Lars mit seiner eigenen Mutter Lisa gezeugt. Die bisherige Jungtiersterblichkeit bei Nachkommen von Lars liege mit dem Tod von Knut nun bei 100 Prozent. „Lars hat bisher neun Kinder gezeugt. Sieben sind noch am Tag ihrer Geburt gestorben. Knuts Zwillingsbruder wurde nur acht Tage alt. Lars hätte also nie zur Zucht herangezogen werden dürfen“, sagt Zookritiker Albrecht. In Berlin seien solche Praktiken aber Alltag.
Die extrem hohe Sterberate der Nachkommen bei Inzucht sei keine Seltenheit. „Das Risiko von Erbschäden ist bei Inzucht viel zu hoch.“ Albrecht vermutet, dass Dauerstress Knuts Tod noch beschleunigt hat. Der Zoo hätte den von Hand aufgezogenen Knut nicht zusammen mit drei erwachsenen Eisbärinnen halten dürfen. „Eisbären sind Einzelgänger“, erklärt Albrecht. Deshalb habe er Strafanzeige bei der Berliner Staatsanwaltschaft gegen den Zoo eingereicht. „Laut Tierschutzgesetz müssen Tiere artgerecht gehalten werden.“
Bärenkurator Heiner Klös sieht der Anzeige indes gelassen entgegen. Er weist die Vorwürfe als haltlos zurück und bestreitet, dass Knut nicht artgerecht gehalten wurde. „Einzelgänger sind Eisbären nur in Freiheit.“ Dies hänge damit zusammen, dass Artgenossen Futterkonkurrenten seien. Vehement streitet er auch den Inzest-Vorwurf ab. „Solche Praktiken gibt es in unserem Zoo nicht“, sagt Klös.
Derweil geht auch der Deutsche Tierschutzbund von einer gängigen Inzucht-Praxis in Tierparks aus. Veränderungen im Gehirn könnten eine Folgeerkrankung sein, sagt dessen Bundesgeschäftsführer Thomas Schröder. „Zuchtprogramme in Zoos greifen zwangsläufig nur auf einen kleinen Genpool zurück und fördern damit die Inzucht.“ Er fordert die Aufklärung des tragischen Todes von Knut. „Bis dahin müssen alle Nachzuchtprogramme sofort eingestellt werden. Denn für die Tiere bedeutet diese Praxis erhebliche Leiden.“