Hohmeyer, Professor für Energie- und Ressourcenwirtschaft an der Uni Flensburg, berät seit dem Jahr 2008 nicht nur die Bundesregierung in Klimaschutzfragen, er ist außerdem einziger deutscher Mitautor eines Sonderberichts des UN-Klimarates, für den die Behörde 2007 den Friedensnobelpreis erhalten hat. Auf Einladung der Allianz für Wasserwirtschaft hat Hohmeyer am Dienstag in Hannover schnelle und weitreichende Entscheidungen gefordert, um den CO2-Ausstoß in den kommenden Jahrzehnten deutlich zu verringern.
An mit Abstand erster Stelle stehen für den Experten Maßnahmen zur Einsparung von Energie und zur Steigerung der Energieeffizienz. „Nichts anderes lohnt sich in einem solchen Maße“, betont Hohmeyer. Es sei möglich, ohne Funktionsverluste 30 bis 50 Prozent der derzeit verbrauchten Energiemenge einzusparen. „Wohnhäuser der Zukunft können Strom produzieren, statt Energie zu verbrauchen.“
Zweitwichtigster Punkt beim Klimaschutz sei der Ausbau der erneuerbaren Energien. „Schon ab dem Jahr 2030 können sie einen entscheidenden Beitrag leisten“, ist Hohmeyer überzeugt. Er hält es für möglich, dass Deutschland bereits in 20 Jahren komplett mit Strom aus regenerativen Energien versorgt wird. Größte Herausforderung sei hier, Möglichkeiten für die Speicherung des Stroms zu entwickeln. Als dritte mögliche Waffe gegen die in Hohmeyers Augen maßgeblich vom Menschen verursachte Klimaerwärmung führt er die Kernenergie an, verweist jedoch auf die bekannten Risiken.
Erst an vierter Stelle kommt in seinem Ranking die vor allem von Stromkonzernen und der Brandenburger Landesregierung propagierte unterirdische Ablagerung von Kohlendioxid, das bei der Kohleverstromung anfällt. „Die CCS-Technik wird bis zum Jahr 2030 keinen wesentlichen Beitrag zum Schutz des Klimas leisten“, betont Hohmeyer. Er befürchtet das Gegenteil: „Ein Einsatz der CCS-Technik bei der Kohleverstromung schadet dem Klimaschutz, weil damit Kohlekraftwerke länger als notwendig am Netz bleiben.“ Zudem sei der Einsatz der Technik mindestens so teuer wie der von erneuerbaren Energien.
Auch das Argument, CCS werde etwa in der Stahlindustrie gebraucht, um Abgase einzufangen, wischt der Professor vom Tisch. „Stahlwerke müssen nicht Koks verhütten. Wasserstoff geht auch. Das gilt es zu erforschen.“ Zudem würden die Industrieabgase nur drei Prozent aller Emissionen ausmachen. Zu guter Letzt ist Hohmeyer davon überzeugt, dass die Kosten für eine Umrüstung auf CCS in den Stahlwerken unverhältnismäßig hoch seien.
Olav Hohmeyer begründet seine ablehnende Haltung gegenüber der Ablagerung von Kohlendioxid kurz und knapp: „Die Technik ist unsicher, sie kommt zu früh, sie ist nicht erprobt.“ Es gebe enormen Forschungsbedarf, bevor CCS vielleicht ein Thema sein könnte. „Wir wissen nicht, wie dicht die Gesteinsschichten sind, unter denen einmal gigantische Mengen Kohlendioxid lagern sollen. Wir wissen nicht, wie die unterirdischen Schichten auf Druck durch das flüssige Gas reagieren.“ Gelange das gespeicherte CO2 an die Oberfläche, bestehe Lebensgefahr für die dort wohnenden Menschen.
Chancen rechnet Hohmeyer der CCS-Technik etwa ab dem Jahr 2070 ein. „Dann könnte man sie bei der Gewinnung von Energie aus Biomasse einsetzen, falls es für die Einhaltung der Klimaschutzziele notwendig sein sollte.“ Auch um sich diese Option offenzuhalten, sei ein Verzicht auf die Verwendung von CCS für die Kohle notwendig. „Die Speicherplätze für CO2 sind europaweit sehr begrenzt. Fangen wir jetzt mit den Kohleabgasen an, sind die unterirdischen Hohlräume spätestens in 35 Jahren ein für alle mal komplett voll.“