Wie schwer ist es, unter unzähligen Informationen die wichtigsten auszuwählen? Werden Journalisten fremdgesteuert und haben Sie überhaupt Zeit, um Informationen zu prüfen? Fragen, über die verantwortliche Mitarbeiter der „Märkischen Oderzeitung“ und des RBB am Montagabend mit Bürgern diskutierten.
„CSU-Chef Horst Seehofer ist aus der Fraktionsgemeinschaft mit der CDU ausgestiegen.“ Die jüngste spektakuläre „Fake News“ (Falschmeldung) war am Freitagnachmittag über die Nachrichtenagentur Reuters verbreitet worden. Bei mehreren Online-Portalen und Fernsehsendern lief sie als vermeintliche Sensation über die Bildschirme. Wenige Minuten später musste sie dementiert werden, weil sie auf einen fragwürdigem Scherz des Nachrichtenmagazins „Titanic“  beruhte, für den der „Hessische Rundfunk“ und der hessische Ministerpräsident als vermeintliche Quellen missbraucht worden waren.
Aber Falschmeldungen oder vermeintlich nicht objektiv dargestellte Sachverhalte gibt es nicht nur  in der „großen Politik“, sondern überall im Alltag. Am vergangenen Wochenende war es im Zentrum von Frankfurt (Oder) zu einem Zusammenstoß zwischen einer Gruppe von Asylbewerbern und der Polizei gekommen. Den Anstoß dazu bildete eine Schlägerei zwischen einem 18-jährigen Syrer und einem 32-jährigen Deutschen.
Als erstes hatte die MOZ online unter der Überschrift „Flüchtling schlägt Frankfurter ins Gesicht“ darüber berichtet. Diese Information basierte aus der ersten Polizeimeldung. Nahezu folgerichtig gab es darauf kritische und auch einige offen ausländerfeindliche Kommentare auf der Internetseite. Letztere wurden von der Redaktion gelöscht. Als sich aus weiteren Recherchen ergab, dass sich andere Migranten mit dem Syrer gegen die Polizei solidarisiert hatten, wurde nicht nur der Text, sondern auch die Überschrift in „Menschengruppe bedrängt Polizisten“ geändert.
Warum dies nötig gewesen sei, fragt jemand aus dem Publikum in der Montagsdiskussion, die erste Überschrift sei doch immer noch richtig gewesen. Jemand anders hält dagegen: „Wie hätte die Überschrift denn ausgesehen, wenn ich geschlagen worden wäre? Ich lebe erst vier Jahre in Frankfurt, hätte man dann vielleicht getitelt: Flüchtling schlägt Zugereisten?“ Eine Polin bemerkt, dass es sie stört, wenn bei Polizeimeldungen in der Zeitung die Nationalität ausländischer Täter angegeben wird, die von deutschen aber nicht. Daraus ergäbe sich für sie das Gefühl, dass Ausländer besonders gebrandmarkt würden.
Der Chefredakteur der Märkischen Oderzeitung, Claus Liesegang, antwortet: „Natürlich fragen sich die Leser  bei vielen Vorfällen: Wo waren die Täter denn her? Und die Leser haben auch ein Recht darauf, dass diese Frage beantwortet wird.“ Seit den Vorfällen in der Silvesternacht 2016/17 in Köln sei der Druck auf die Medien gestiegen, solche Details nicht mehr wegzulassen.
Der Redaktionsleiter des Frankfurter RBB-Studios, Andreas Oppermann, berichtet aus dem Redaktionsalltag: „Unter den Kollegen wird ein ständiger Abwägungs- und Diskussionsprozess geführt, ob man die Nationalität von Tätern und Verdächtigen nennen soll. Das kann in einem Fall nötig sein und im anderen Fall nicht“, sagt er.
„Oft wissen wir erst am Ende vieler Dinge, was richtig ist, müssen aber schon vorher darüber berichten“, sagt er an anderer Stelle. Etwa wenn die Polizei, um ihre Ermittlungen nicht zu gefährden, nur tröpfchenweise Informationen über bestimmte  Vorfälle herausgibt, „oder wenn man uns Journalisten beim Bamf in Eisenhüttenstadt den Zugang verwehrt“. Liesegang räumt ein, dass die Redaktion bei der Verwendung von Agenturmeldungen auf deren Zuverlässigkeit vertrauen muss, „weil wir gar nicht alles überprüfen können“.
Am Schluss der Diskussion darf jeder auf dem Podium einen Wunsch äußern, wie die Debatte über Mediennutzung und „Fake News“ weiterlaufen sollte. Bernd Lammel vom Deutschen Journalistenverband wäre froh, wenn die Verlage und öffentlichen-rechtlichen Sender modernere Formate für jüngere Leute entwickeln und ihr Personal nicht immer mehr verringern würden. Oppermann würde sich freuen, wenn die Menschen bereit wären, „für guten Journalismus mehr zu bezahlen“. Die Kulturwissenschaftlerin Dorothea Horst sieht schon darin einen Erfolg, dass immer mehr diskutiert wird, welche Qualitätsmaßstäbe man an Informationen in den sozialen Medien stellen sollte.
Claus Liesegang streicht heraus, dass den regionalen Tageszeitungen nach wie vor hohe Glaubwürdigkeit zugesprochen wird und dass man deshalb – um die Abonnenten zu halten und neue zu gewinnen – nicht unbedingt zu sensationellen Schlagzeilen greifen müsse. „Für uns gilt: Sorgfalt geht vor Geschwindigkeit“, sagt er und bekommt dafür Beifall.