Michael Ebermann steht die Freude ins Gesicht geschrieben. "Ganz ehrlich: Eine Straßenbahn wäre mir noch lieber gewesen. Aber dass ab Sonntag endlich ein Bus über die Oder fahren wird, ist doch eigentlich etwas ganz Normales. Zugleich aber auch ein Stück neue europäische Wirklichkeit, von der ich überzeugt bin."
Der Geschäftsführer der Frankfurter Stadtverkehrsgesellschaft gehört zu jener Minderheit in den Nachbarstädten an der Oder, die in ihrem Bemühen für die grenzüberschreitende Verbindung nicht locker ließen. Die Diskussion darüber war Ende der 90er-Jahre anhand alter Postkarten und Fotos entstanden. Auf denen ist die einstige Straßenbahn zu sehen, die seit 1898 auch in die damalige Dammvorstadt - das heutige Slubice - pendelte.
Im Vorfeld der 750-Jahr-Feier der Stadt, welche 2003 begangen wurde, war die Idee zur Wiederbelebung der Bahn entstanden. Doch nach der ersten Euphorie zeigten sich schnell die Probleme. Slubicer Taxi-Fahrer, die die Konkurrenz des neuen Verkehrsmittels fürchteten, und Frankfurter Bedenkenträger, die vor allem auf die Kosten verwiesen, bildeten eine grenzüberschreitende Koalition gegen das Vorhaben. Als Anfang 2006 bei einer Frankfurter Bürgerbefragung 83 Prozent gegen die Bahn votierten, schien das Thema gänzlich erledigt.
Nicht nur unterschiedliche Interessen, sondern auch gegenseitige Animositäten und Unkenntnis von Deutschen und Polen seien damals aufeinander geprallt, meint der Aktionskünstler Michael Kurzwelly. "Es dauert eben, bis Menschen aus zwei Ländern miteinander fühlen können und auch miteinander etwas erreichen wollen", sagt er. Westdeutsche und Franzosen hätten dafür nach dem Zweiten Weltkrieg noch viel länger gebraucht. Die erste Straßenbahn zwischen Saarbrücken und dem französischen Sarreguemines kam auch erst 1997 zustande.
Um die Vorbehalte zu entkräften, bildete sich die grenzüberschreitende Allianz "Pro Tram". Und es wurden Machbarkeitsstudien von den Stadtverordneten in Auftrag gegeben, die die Kostenunterschiede zwischen einer Bahn- und einer Busverbindung klären sollten. In der Zwischenzeit fiel im Mai 2004 die EU-Grenze und Ende 2007 wurden auch die Personenkontrollen an der Oder abgeschafft.
Schließlich einigten sich beide Städte zunächst auf den Bus. Trotzdem bedurfte es noch unzähliger Gespräche und Interventionen - selbst Brandenburgs Regierungschef Matthias Platzeck (SPD) sprach in Warschau mit Polens Verkehrsminister über das Projekt - bevor der Vertrag zwischen einer polnischen Kommune und einer deutschen Verkehrsgesellschaft abgeschlossen werden konnte. 60000 Euro, mit denen sich die Stadt Slubice an einer gemeinsamen Studie beteiligen wollte, wurden bis heute aus formalen Gründen noch nicht überwiesen.
Michael Ebermann ist dennoch überzeugt, dass sich die ganze Mühe gelohnt hat. Und vor allem, dass der Bus, der ab Sonntagvormittag zwischen dem Frankfurter Bahnhof, der Uni Viadrina und sechs Stationen in Slubice verkehrt, auch angenommen wird: "Man braucht sich bloß einmal die vielen Leute anzuschauen, die am Wochenende mit dem Regionalexpress nach Frankfurt kommen und dann über die Oder nach Slubice laufen. Die können jetzt mit ihrem VBB-Ticket auch den Bus nutzen", sagt er.
Da in Slubice kaum ein Zug hält, ist der Frankfurter Bahnhof auch die Eisenbahnanbindung für die Nachbarstadt. Das größte Klientel für den Bus sind - zumindest wochentags - aber die 7000 Studenten der Europa-Universität. Sie können ihre Vorlesungen und Wohnheime beiderseits der Oder bequemer erreichen. Das Studierendenparlament stimmte deshalb einer Erhöhung des Semesterbeitrags um 3,75 Euro zugunsten des Busses zu. "Auch wenn wir perspektivisch nach wie vor für die Straßenbahn sind", wie Studentensprecher Kai Goll betont.
Slubices Bürgermeister Tomasz Ciszewicz sieht in dem Bus noch ein weiteres Zeichen: "Er könnte zum Beispiel für viele andere Vorhaben werden, die unsere beiden Städten miteinander haben." (Mit Adleraugen)