Den Entschluss für den verhängnisvollen Urlaub fällte sie spontan im Januar. Der indirekte Anlass war die Ermordung des iranischen Offiziers Qasem Soleimani durch einen Raketenangriff der USA. Weltweit sorgte man sich vor einem Krieg. "Der Iran stand ganz oben auf meiner Reiseliste und ich hatte Angst, dass es wie bei Syrien irgendwann zu spät sein könnte", erzählt Zipro. Also buchte sie kurzerhand eine zweiwöchige Reise zur islamischen Republik am Persischen Golf – unwissend darüber, in was für eine Achterbahn sie geraten sollte.

Einen Schritt voraus

Erste Pandemie-Anzeichen beobachtet sie schon bei ihrer Ankunft in der Hauptstadt Teheran. Einige Iraner tragen Atemschutzmasken. Zipro geht zunächst von einer Maßnahme gegen den Smog aus. Schließlich war in Deutschland noch alles normal. Erst später erkennt sie, dass die Menschen schon begonnen hatten, sich vor dem Coronavirus zu schützen. Mit ihrer Reisebewegung in den Süden des Landes bleibt Zipro der Pandemie aber einen Schritt voraus. Die Ausbreitung konzentriert sich zunächst auf den Norden. Während also die Hotels und Attraktionen in Teheran schließen, begrüßen im südlichen Isfahan Sehenswürdigkeiten wie die historische Freitagsmoschee noch Touristen.
Die Iraner fühlen sich angesichts Corona besonders verantwortlich für ihre Besucherin: Auf der Straße treten besorgte Menschen an Zipro heran und raten ihr dazu, eine Schutzmaske zu tragen. Ein Kioskverkäufer schenkt ihr Desinfektionsmittel. "Viele sorgen sich um mich. Für sie bin ich die ahnungslose Touristin", erzählt Zipro. Sie erlebt das iranische Volk als kontaktfreudig, weltoffen und gut informiert: "Facebook gilt dort zwar als verboten, trotzdem habe ich von jeder zweiten Person, die ich kennenlernte, eine Anfrage bekommen."

Die Corona-Krise breitet sich aus

Während Katrin Zipro also Land und Leute erforscht, spannt sich die Corona-Situation weltweit an. Die Fluggesellschaften beginnen damit, ihren Betrieb einzustellen. Als sich die 56-Jährige gerade in einem kleinen Wüstenparadies von der hektischen Stadt erholt, ereilt sie die Nachricht über ihren stornierten Rückflug am 7. März. Glücklicherweise kommt ihr der Hotelwirt sofort zu Hilfe. Er klappert Reisebüros per Telefon ab, bis sein deutscher Gast ein neues Ticket für den 9. März hat.
Diesen Eifer erlebt Zipro während ihrer gesamten Reise. "Die Iraner helfen sofort, ohne dass man fragen muss. Zur Not rufen sie Freunde an. Sie kümmern sich solange bis eine Lösung da ist", schwärmt sie. Als ihr im Bus die geforderte Prepaidkarte fehlt und sie nicht mitfahren kann, eilt ein aufmerksamer Mann herbei und hält seine Karte an den Scanner. Geld will er dafür nicht. Nachdem ihr ein Fehler mit der Unterkunft passiert, nimmt sie der Taxifahrer spontan bei sich und seiner Familie auf – ungeachtet dessen, dass Iraner privat keine Ausländer beherbergen dürfen.
Wenige Tage vor ihrer Abreise erfährt Katrin Zipro, dass ihr zweiter Flug ebenfalls gestrichen wurde. Nun setzt Panik ein. Sie kontaktiert die deutsche Botschaft. Anschließend schnappt sie den Nachtbus zurück nach Teheran, um möglichst nahe beim Flughafen zu sein.

Der Moment der Wahrheit

Zu diesem Zeitpunkt fliegen nur noch die beiden iranischen Airlines gen Europa. Mithilfe der deutschen Behörde kann Zipro sich einen Platz in einer Maschine reservieren. Allerdings tut sich ein neues Problem auf: Durch die internationalen Sanktionen ist der Geldtransfer von ausländischen Banken in den Iran nicht mehr möglich. Katrin Zipro muss in bar bezahlen. Mit ihren noch übrigen Rial kann sie jedoch nur die Hälfte des Tickets begleichen. Wieder helfen ihr die Iraner aus der Patsche. Ihr Wirt in Teheran organisiert eine iranische Debitkarte für Touristen. Per E-Mail überweist ihr Sohn von Deutschland aus Geld auf diese Karte. Der Bankmanager veranlasst die extra schnelle Freischaltung des Guthabens. Im Moment der Wahrheit, am Kartenlesegerät des Flughafenschalters hält sie solange die Luft an, bis endlich das erlösende Rattern der Quittung ertönt. Das Ticket ist gebucht. Am 12. März geht es nach Hause.
Wäre Kathrin Zipro in den Iran geflogen, wenn sie das Ausmaß der Coronakrise erahnt hätte? "Sicher nicht", sagt sie entschieden. Aber sie hat es nicht gewusst und damit eine unvergessliche Reise erleben dürfen.

Die Entwicklung der Corona-Krise im Iran

Seit Ende Februar breitet sich das Coronavirus in der islamischen Republik aus. Bisher meldete Iran 66 220 Infektionsfälle. Davon sind 4110 Menschen an den Folgen der Lungenkrankheit Covid-19 bereits gestorben. Die Pandemie trifft das Land besonders hart. 70 Prozent der durch die US-Sanktionen ohnehin geschwächten Wirtschaft sind lahmgelegt. Mittlerweile sind die Schulen, Universitäten, Kinos, Theater sowie das Parlament und sogar die Glaubensstätten trotz Protesten geschlossen. Für heute sind erste Lockerungen der Maßnahmen in den Provinzen angestrebt.  dpa