Frau Swinka, wie würden Sie das Lebensgefühl Ihrer Generation ein Jahr nach Beginn der Corona-Krise beschreiben?

Ich bin vor ein paar Tagen 19 geworden, gehe in die 12. Klasse und mache in einem Jahr mein Abitur. Allgemein gilt das als die beste Zeit im Leben. Partys, Abiturfeiern, Urlaube – große Gemeinschaftsgefühle. Das geht gerade alles gar nicht. Und das ist sehr schwierig. Viele in meinem Alter hatten natürlich auch schon Pläne für die Zeit nach dem Abitur, die komplett ins Wasser gefallen sind.

Was für Pläne?

Einige hatten ein Freiwilliges Soziales Jahr im Blick, andere ein Auslandsjahr oder einen bestimmten Studienplatz. Auch für dieses Jahr und womöglich gar für 2022 steht das alles auf der Kippe, nichts ist sicher. Die Zukunftsängste sind sehr präsent.

Leben und Lernen in völliger Selbstisolation in Brandenburg

Wie erinnern Sie sich an den Beginn der Pandemie?

Es klingt vielleicht komisch, aber ich persönlich denke vor allem daran, dass ich im vergangenen Sommer, als es erlaubt war, viel mehr hätte unternehmen sollen. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, dass wir jetzt in völliger Selbstisolation leben und lernen müssen. Ich meine, wir starten als junge Menschen gerade ins Leben. Und das wird total unterbrochen.

Wie ist es denen ergangen, die 2020 die Schule abgeschlossen haben?

Viele von ihnen wollten in die Welt hinaus oder zumindest ihre Stadt verlassen, mussten aber bei ihren Eltern bleiben oder zu ihnen zurückkehren, weil nichts mehr stattfand. Dadurch haben sich Lebenswege extrem verändert.

Wie ist die Stimmung in den jetzigen Abiturklassen?

Die Psyche ist ein großer Faktor. Das macht es schwierig. Der jetzige Präsenzunterricht ist ja kein normaler Schulbetrieb. Die Klasse ist aufgeteilt, man muss Maske tragen und Abstand halten. Darunter leidet natürlich das Lernen. Dazu kommen die Diskussionen über die Prüfungen. Obwohl wir als Landesschülerrat die Vorgaben des Brandenburger Bildungsministeriums insgesamt in Ordnung finden, gibt es auch Schülerinnen und Schüler, die Prüfungen und Präsenzpflicht in der jetzigen Situation ablehnen.

Sie haben noch ein Jahr bis zum Abi. Ein Vorteil?

Ich glaube nicht. Mir fehlt fast die Hälfte der 11. Klasse und die 12. wohl beinahe komplett. Ob mit Beginn der 13. im Sommer wieder alles normal läuft, ist nicht sicher. Die ganze Abiturzeit ist also von Corona geprägt. Es kann mir keiner erzählen, dass wir 2022 inhaltlich das gleiche Abitur schreiben werden wie andere Jahrgänge.

Große Sorgen vor dem Abitur 2022 in Brandenburg

Welche Forderungen leiten Sie aus diesem Befund ab?

Wir werden immer als die Corona-Jahrgänge gelten. Das ist wohl nicht zu ändern. Es gibt jetzt die Möglichkeit, die Prüfungen der 10. Klassen und die für das Abitur schülergerecht anzupassen. Es wäre jedoch falsch und unfair, komplett auf Prüfungen zu verzichten. Damit würden wir an Unis oder bei möglichen Arbeitgebern richtig große Probleme bekommen.

Ärgert es Sie angesichts dieser Sorgen, dass Ihre Generation zuweilen wegen Corona-Verstößen in der Kritik steht?

Partys und Freunde sind für uns ein Riesenthema. Es geht nicht ums Feiern an sich. Da hängt viel mehr dran. Wir sind soziale Wesen. Viele Menschen finden normalerweise mit um die 20 die Liebe ihres Lebens oder Freunde, die ihnen bis ins Rentenalter erhalten bleiben. Das bleibt uns gerade zu einem großen Teil verwehrt.

Und wenn man Ihnen empfiehlt, sich einfach etwas zu gedulden?

Man kann das nicht verschieben. Gerade junge Menschen, die sich noch entwickeln, brauchen Kontakte. Weil wir das gerade nicht haben, geht es für uns charakterlich in eine komplett andere Richtung. Die daraus entstehenden psychischen Probleme werden leider oft unter den Teppich gekehrt.

Gibt es Hilfen?

Schulsozialarbeiter sind gute Anlaufstellen. Ich kenne welche, die haben einen Instagram-Kanal eröffnet, um die Jugendlichen jetzt gut zu erreichen. Das ist super. Wir vom Landesschülerrat machen außerdem auf die verschiedenen Hilfe-Telefone aufmerksam.

Die „Generation Z“ in Brandenburg hat Verständnis für die Corona-Regeln

Wie sieht Ihre Generation die Pandemie?

Wir haben den Beinamen „Gen Z“, so wie Vertreter der Generation davor als die „Millennials“ galten. In der „Gen Z“ ist das Verständnis für andere Menschen sehr groß. Wir verstehen, warum der Lockdown vollzogen wurde.
Mehr zu Corona und den Folgen in Brandenburg und Berlin gibt es auf unserer Themenseite.

Seit fünf Jahren Schüler-Vertreterin


Katharina Swinka besucht die 12. Klasse der Lenné-Gesamtschule in Potsdam. Die inzwischen 19-Jährige engagiert sich bereits seit fünf Jahren als Schüler-Vertreterin in Brandenburg. Die Arbeit hat bei ihr Interesse an Politik geweckt. Sie steht der SPD nahe und möchte in Kürze Mitglied werden. Beruflich schwebt ihr nach dem Abitur ein Jura- oder Politikwissenschafts-Studium vor.