Briefe, Schokolade und Sterne trudeln tagtäglich bei Timo Wagener ein. Auf 30 Weihnachtssterne hat er gehofft. Inzwischen haben ihn 3000 erreicht aus 38 Ländern, sogar aus den USA. Der 15-Jährige ist überwältigt und überfordert. In der Küche und im Keller stapelt sich die Post. Inzwischen ist der Beitrag für die meisten Nutzer nicht mehr sichtbar. Dutzende Menschen kontaktieren den Jungen auf Facebook, erstellen Videos für ihn. Auf einem davon singen Kinder ihm in Deutschland-Trikots während eines Fußballcamps in Südafrika ein Geburtstagsständchen.
"Damit habe ich nicht gerechnet", sagt Timo immer wieder. In dem Beitrag auf Facebook berichtet er von seiner Erkrankung und äußert den Wunsch, den Weihnachtsbaum in diesem Jahr mit selbst gebastelten Sternen aus aller Welt zu schmücken. "Das passt zur Jahreszeit", findet er. Symbolisieren sollen sie Anteilnahme am Schicksal der Kinder, die den Kampf gegen den Krebs verloren haben und an dem derer, die ihn noch immer führen.
Timos Kampf hat im Alter von sieben Jahren begonnen. Er schaut fern, die Zeichentrickserie "Spongebob Schwammkopf". Mit der Fernbedienung streift seine Mutter seinen rechten Oberschenkel. Der Junge heult auf. "Es war Schlafenszeit. Ich dachte, er bockt rum, um weiter fernsehen zu können", erzählt Nicole Wagener. Am nächsten Tag kontaktiert die 37-Jährige trotzdem seinen Kinderarzt. Der führt einen Ultraschall durch. Wenige Tage später kommt Timo ins Krankenhaus. Es folgt Untersuchung auf Untersuchung. Am Ende steht die Diagnose: Der Junge hat einen bösartigen Tumor im Oberschenkel und Metastasen in der Lunge.
Die ersten Therapien schlagen nicht an. "Er sollte laut Prognosen der Ärzte nicht einmal neun Jahre alt werden, jetzt ist er 15", sagt die Mutter und lächelt. "In der Charité nennen sie Timo das Wunderkind", sagt Frank Liebetrau, ihr Partner. Wer Timo ansieht, merkt nicht, wie schlecht es um seine Gesundheit steht. Er ist blass - nichts Besorgniserregendes. "Sein Körper signalisiert: Es ist alles in Ordnung", erklärt Frank Liebetrau. "Deswegen haben wir nichts mitbekommen", fügt Timo an.
Er hat einen Schlauch im Oberkörper, der rechte Oberschenkel ist hart, geschwollen und schmerzt. Lange Wege kann er zu Fuß nicht zurücklegen, er hat einen Rollstuhl und an warmen Sommertagen Probleme mit dem Atmen. Sport ist für den 15-Jährigen tabu.
Dabei sah sein Leben vor 2017 anders aus, hoffnungsvoller. "Wir haben drei Jahre lang Ruhe gehabt und ein halbwegs normales Leben geführt", sagt Nicole Wagener. "Ich habe gedacht, es ist geschafft, mein Kind wird 100 Jahre alt." Immerhin sinkt mit jedem beschwerdefreien Jahr das Risiko, erneut zu erkranken.
Im Februar dieses Jahres wird eine Kontrolle durchgeführt. Die drei reisen im April an die Ostsee. "Timo hat im Urlaub fast nur geschlafen, aber wir haben uns gedacht: Das macht die Meerluft", erzählt die Mutter. "Vielleicht war das ein Anzeichen", meint sie rückblickend.
Kurz nach der Rückkehr die Hiobsbotschaft: Die Metastasen in der Lunge sind größer und mehr geworden. Immer öfter fehlt Timo jetzt in der Schule. Nach den Sommerferien wechselt er trotzdem in die zehnte Klasse. Eine Klassenfahrt nach Großbritannien, drei Schultage später beginnt seine Behandlung im Krankenhaus. Zur Schule geht er nicht. Möglicherweise wiederholt er die Klasse im kommenden Jahr.
Im Fokus steht jetzt die Gesundheit. Alle 14 Tage fahren Timo und seine Mutter für drei Tage in die Charité, alle drei Tage kommt jemand vom Pflegedienst und spült den Katheter. Auf seinem privaten Facebook-Profil und in einer Facebook-Gruppe, die nach ihm benannt ist, ist sein Weg dokumentiert. Statt Berlin ist Beeskow seit Wochen sein Zuhause, weil Frank Liebetrau aus der Kreisstadt kommt.
In Beeskow arbeitet der Junge an einem Herzenswunsch. Er möchte den Moped-Führerschein, in Brandenburg geht das mit 15 Jahren, in Berlin erst mit 16. Die Theorie-Prüfung hat er bestanden, im Frühjahr möchte er Fahrstunden nehmen. Als Timo noch gesund war, hatte seine Mutter ihm den Führerschein stets verweigert: "Ich bin zufrieden, dass ich dich habe, da möchte ich nicht, dass dir auf der Straße was zustößt." Und jetzt? "Was Schlimmeres kann nicht mehr passieren", sagt sie leise.
Nicole Wagener will stark bleiben - für ihren Sohn. "Ich existiere nur noch für mein Kind", erklärt sie in einem schwachen Moment. Die weltweite Anteilnahme geht ihr nahe. "Manchmal muss ich Briefe weglegen, um nicht zu weinen", berichtet sie. Timo hat die Übersicht über die Sendungen verloren. Jedem einzelnen antworten kann er nicht. Aber sie sind Kraftspender und Motivation zugleich.
Ob er einen Lieblingsstern hat? Timo schüttelt den Kopf. Dafür hat Nicole Wagener einen. Den Stern hat eine ältere Dame geschickt. In einem beigelegten Brief schreibt sie, dass sie ihn vor 45 Jahren bei einer Reise mit ihren Eltern in Moskau gekauft hat und ihn nun an Timo weitergeben möchte. Der 37-Jährigen stehen die Tränen in den Augen. "Es heißt immer, die Menschen seien nur mit sich selbst beschäftigt, und dann kommt so was", sagt sie und deutet auf die Post. "Vor ein paar Wochen standen wir noch alleine da."
Und der Weihnachtsbaum? Ein fünf, sechs Meter hohes Exemplar im Hof schwebt Timo vor. Ob tatsächlich alle Sterne darauf Platz finden werden, darf bezweifelt werden. Doch seine Mutter stellt klar: "Es kommt nichts weg, auch kein einziger Brief. Timo kann das alles lesen, wenn er selbst Kinder hat."