Jobs verschwinden und neue entstehen. Arbeitnehmer brauchen andere Kompetenzen. Wie wandelt sich die Arbeitswelt in Berlin und Brandenburg?
Ist Buchhalter ein Beruf, der Zukunft hat? Maschinen könnten seine Arbeit bald besser erledigen. Denn sowohl körperliche als auch geistige Arbeiten mit viel Routinen sind dafür geeignet, von Maschinen ausgeführt zu werden, sagt Rudolf Lange, Bereichsleiter in der Agentur für Arbeit Frankfurt (Oder). In Banken- und Versicherungswirtschaft werden gerade deutschlandweit Jobs abgebaut.  Aber insgesamt sieht Lange nicht die Gefahr, dass die Digitalisierung unsere Arbeit vernichtet. „Befürchtungen von einem massiven Stellenabbau lassen sich eher nicht bestätigen“, sagt er.
Untersuchungen von Arbeitsmarktexperten zufolge wird dieser Wandel in den Regionen unterschiedlich ablaufen. Gegenden mit einem relativ hohen Anteil an Industriearbeitern wie der Kreis Oberspreewald-Lausitz sind eher von Jobverlust bedroht, als Frankfurt (Oder) mit einem Potential hochqualifizierter Menschen. Von großen Jobverlusten in naher Zukunft geht aber auch die Wirtschaftsförderung Berlin-Brandenburg WFBB nicht aus. Es könne jedoch sein, sagt Daniel Porep von der WFBB, dass die Schere zwischen vorhandenen und benötigten Qualifikationen noch weiter aufgeht.
Was müssen Menschen können, damit sie sich in dieser neuen Welt behaupten? Darüber diskutierten Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) am Mittwoch in Erkner mit Gästen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Behörden. „Gesucht werden Leute, die nicht unbedingt programmieren können, die aber digitale Prozesse verstehen“, sagt Rudolf Lange. Vor allem aber, sagt Lange, ist eines wichtig: die Fähigkeit, lebenslang zu lernen. „Wir sehen heute Ausbildung als eine Eintrittskarte in den Arbeitsmarkt, nicht als langfristige Garantie auf Arbeit“, meint die Wissenschaftlerin Suntje Schmidt vom IRS. Arbeitete man sich bisher in einer Firma die Karriereleiter hoch, wechseln Menschen heute häufig Firmen und Arbeitsorte.
Und es entstehen neue Arbeitsformen. Menschen werden nicht in Firmen eingestellt, sie bieten ihre Arbeitskraft den Betreibern digitaler Plattformen an. Der Taxidienst uber ist so ein Beispiel. Die Online-Plattform udemy ein anderes. Hier bieten Leute mit besonderen Kenntnissen oder Fertigkeiten Fortbildung für andere an. Die wenigsten verdienen damit richtig Geld, sagt Karl Täuscher von der Uni Bayreuth. Als Nebenverdienst kann die Arbeit über digitale Plattformen interessant sein – auch für Leute in ländlichen Regionen. Eher ein Thema der Städte sind hingegen die sogenannten Co-Working-Spaces. Dass sind Büros, in denen Selbstständige sich zusammenfinden und arbeiten. Leute, die auf der Suche nach Kontakt und Austausch sind. Auch in Brandenburg gibt es Ansätze dafür: in Frankfurt (Oder), Eberswalde oder Letschin im Oderbruch. Der Sinn solcher Bürogemeinschaften auf dem Land, als Keimzellen für kleine Unternehmen etwa, war in der Diskussion eher umstritten.
Lebenslanges Lernen wird unsere Arbeitswelt künftig prägen, das tauchte in der Debatte immer wieder auf. Die Arbeitsagenturen denken heute schon über die eigentliche Job-Vermittlung hinaus in Richtung Qualifizierung und einer lebensbegleitenden Berufsberatung, wie Rudolf Lange deutlich machte. „Firmen müssen Voraussetzungen schaffen, die Weiterbildung und Entwicklung ihrer Beschäftigten ermöglicht“,sagte Daniel Porep von der WFBB. Und sie müssen in ihren Nachwuchs investieren. An Auszubildenden fehlt es derzeit auf dem Arbeitsmarkt ebenso wie an Fachkräften. Rudolf Lange erlebt bei Schulabgängern oft eine „richtiggehende Orientierungslosigkeit.“ Vielleicht, vermutet Lange, liegt es an der Fülle der Möglichkeiten. Eine frühzeitige Berufsorientierung hält er deshalb für wichtig, durch Praktika. Schulen sollten dafür mehr Spielraum ermöglichen, findet Lange.