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Kerstin Kaiser zieht sich aus Führungsposition zurück

Ulrich Thiessen / 14.08.2012, 19:30 Uhr - Aktualisiert 14.08.2012, 20:58
Potsdam (MOZ) Zu einem traurigen Anlass versammelten sich Brandenburgs Linke vergangenen Freitag in der Uckermark. Man nahm Abschied von der kürzlich verstorbenen Abgeordneten Irene Wolff-Molorciuc. Schon am Rande der Trauerfeier zeichnete sich ab, dass es in dieser Woche zu einem Showdown um den Vorsitz der Landtagsfraktion kommen würde.

Im kleinen Kreis hatte Christian Görke, der Parlamentarische Geschäftsführer der Fraktion, seine Bereitschaft erklärt, sich auf der Klausurtagung kommende Woche um den Fraktionsvorsitz zu bewerben. Eine Zeitlang schien es so auszusehen, als ob es Amtsinhaberin Kerstin Kaiser auf eine Kampfkandidatur ankommen lassen würde. Dafür wollte sie offiziell erklären, auf eine erneute Spitzenkandidatur 2014 zu verzichten.

Am Montag im Fraktionsvorstand müssen die Wogen dann hoch geschlagen sein. Kerstin Kaiser hat erst sehr spät erkannt, dass sie kaum eine Mehrheit für sich gewinnen kann, heißt es in der Linken. Am Montagabend wurde dann die Spitze vom Koalitionspartner SPD informiert, dass Kaiser sich aus den Führungspositionen zurückziehen werde. Dienstagmorgen zu Beginn der Fraktionssitzung der Linken hielt die Chefin noch einmal eine halbstündige Rede, in der sie sich gegen die - zumeist unausgesprochene - Kritik ihrer Kollegen rechtfertigte. Daraufhin verließ die 52-Jährige den Landtag. Kommende Woche auf der Klausursitzung soll die Fraktion - vor der Wahl des neuen Vorstandes - über den Umgang miteinander und die weitere Arbeit reden.

Bis dahin haben sich die Linken im Landtag Schweigen verordnet. Der Abgang ihrer Chefin soll nicht kommentiert werden. Kaiser selbst will derzeit keine Stellungnahme abgeben. Diese Botschaft überbrachten gestern Görke und Landeschef Stefan Ludwig auf einer Pressekonferenz.

Im Nachhinein hieß es gestern in der Linken, man hätte den Wechsel besser vorbereiten müssen und Kaiser auch eine Perspektive, beispielsweise eine Kandidatur für das Europaparlament, anbieten sollen. Jedenfalls ist die Unzufriedenheit groß, dass keine halbwegs gemeinsame Lösung präsentiert werden konnte. So einen Abgang habe Kerstin Kaiser nicht verdient, sagte gestern die Bundestagsabgeordnete der Linken, Dagmar Enkelmann, die mit der Strausbergerin öfter politisch über Kreuz lag.

Gleichzeitig wurde die Sorge geäußert, dass Görke durch die Art des Führungswechsels beschädigt werden könnte. Der ehemalige Lehrer aus Rathenow hatte sich seit der Bildung der Koalitionsregierung als wichtigster Ansprechpartner der SPD herausgebildet. "Wenn man etwas umsetzen will, muss man es mit Görke verabreden", heißt es bei den Sozialdemokraten. Allerdings gab es aus den eigenen Reihen auch Kritik an dem ehrgeizigen 50-Jährigen, weil sich einige Fraktionskollegen nicht in die Absprachen mit dem Koalitionspartner eingebunden fühlen.

Unklar ist, wie die Basis auf den Wechsel reagieren wird. Kaiser war bei den Mitgliedern beliebt. Schon vor Wochen gab es Befürchtungen, dass in den Kreisverbänden, bis zu denen die Unzufriedenheit mit Kaiser nie gedrungen war, der Wechsel dem nächsten Fraktionschef als Verstoß gegen die Parteiräson angekreidet wird. Gestern Nachmittag wurden deshalb die Kreisvorsitzenden in einer Telefonkonferenz über die jähren Wendungen informiert.

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Uwe Hamann 18.08.2012 - 08:18:44

Auflösungserscheinungen

Wenn ich sehe, wie unter "Kampfgefährten des ehemaligen MfS" die Augen gekratzt werden und die Dolchstöße direkt von hinten ins Herz gerammt werden, gestehe ich eine tiefe Befriedigung, diese Partei einst verlassen zu haben. Der umgängliche Stil dieser Partei ist desaströs. Ich glaube weder Frau Enkelmann, noch Frau Kaiser, dass sie ehrliches Interesse an Problemen haben, sondern sehe, dass sich die Führungsetage der Brandenburger Parteispitzen auflösen und Despoten in der Partei das Sagen bekommen wollen. Das wird der Wähler entsprechend zu honorieren wissen. Wer links wählt bekommt einen Schuss vor den Bug und danach astreine Steigbügelhalter einer konservativen sozialdemokratischen Patzerpolitik ala` Markov und Co. Der Versuch linkssozialistische Alternativen als wählbare Alternative zur SPD und den Grünen durchzusetzen, ist mit dem Niedergang einer sich auflösenden Brandenburger Parteispitze bei den "Linken" zum Puppentheater ohne Beifall geworden. Die historischen Chancen sind verspielt. Beim Preisskat würde man das Blatt hinlegen und die Luschen zeigen.

Akteneinseher 15.08.2012 - 16:47:08

Vergleiche hinken

Die unmenschlichen Machenschaften der Stasi in der DDR können durch keinen Vergleich gerechtfertigt oder verharmlost werden. Jeder Vergleich mit einem anderen Geheimdienst oder einer Form der Weitergabe von Informationen hinkt. Die Organisiertheit und die Menschenverachtung der Einrichtung MfS waren einmalig und an negativen Elementen nicht zu übertreffen. Die Kumpanen von Frau Kaiser zerstörten Schicksale, Familien und auch menschliches Leben. Sie organisierten sogar die terroristische Tätigkeit in der BRD mit dem Ziel, Menschen umzubringen. Das alles ist umso schlimmer, da sich die DDR als der friedliebende und menschenfreundliche Staat ausgab.

Krankenschwester 15.08.2012 - 16:08:23

Es waren leider immer die nettesten Menschen.

an B. Schrubbke. Stimmt. Mal so ganz allgemein betrachtet: Diese "ehren"-amtlichen Spitzel haben sich PRIVAT oftmals in das Vertrauen ihrer Freunde und Kollegen eingeschlichen, um dann, ohne zwingende "Not", die anvertrauten Gedanken, Gefühle, Meinungen, Erlebnisse, Sorgen, Probleme, Familienereignisse, Intimitäten, anvertrauten Gewissensbisse, etc. DIENSTLICH nieder zuschreiben und auftragsgemäß entsprechend zu "behandeln". Sie griffen im Auftrag der Stasi sogar mit vorgegebener Meinungsbeeinflussung und hinterhältigen Intrigen massiv in das Leben ihrer Freunde, Kommilitonen und Kollegen mit ein. Da das plumpe Dutzen Fremder und Genossen, "scherzhafte" Betatschen, Begrapschen bis zur Intimität, schnelleres Vertrauen schafft, als jahrelang umworbene Freundschaft mit ehrlichem Vertrauen, kamen diese Spitzel/Spitzelinnen meistens auch ziemlich schnell "zur Sache" auf unterer Ebene. Die Spitzel erkannte man gleich, wenn sie als Fremde das Kollektiv/ die Gruppe mit einem versauten Witz zum Lachen bringen wollten. Dann war die Stimmung entkrampft, das gefährliche Vertrauen schnell hergestellt. Die ehrgeizigen Spitzelinnen dagegen gingen "psychologischer" vor. Sie mimten sofort die "verständnisvolle" Freundin, die in Allem perfekt und selbst ohne Fehl und Tadel sei, dafür umso mehr ein offenes Ohr für die Nöte ihrer, sie täglich umgebenen Mitmenschen hatte. - Die vielen eingesehenen Stasiakten konnten das Undenkbare, das Unglaubliche an Vertrauensbrüchen und seelischen Verletzungen belegen. Die Spitzel/Spitzelinnen waren leider immer die nettesten Menschen. Da gewisse Verhaltensweisen, wie auch hier die angeführten Spitzel-Methoden, den Menschen ja geprägt hat, ist anzunehmen, dass er/sie sich auch nicht verändert haben mag, solange der Erfolg ihnen nicht versagt. Mal konkret diese anbiedernden Methoden dieser Karrieristen auf die Vor- und Nachwendezeit bezogen: Zur rechten Zeit ins richtige Bett gesprungen, konnte nachhaltigen Aufstieg auf der dienstlichen Karriereleiter sichern. Man war sich nicht nur schnell "vertraut", sondern somit auch manipulier- und erpressbar geworden. ;-) Deshalb war früher im "kapitalistischen Westen" (zumindest in den Betrieben) vorsorglich Sex und Liebe am Arbeitsplatz verboten. Ja man ging sogar soweit, dass sogar Liebes- und Ehepaare nicht in einer gemeinsamen Abteilung arbeiten durften, um einen Klüngel zu vermeiden. Anders in der Ex-DDR, wo fast jeder mit Jedermann "vertraut" war, wenn er/sie denn untertänig dem System nützlich war.

Aladin 15.08.2012 - 15:16:57

Genau Dieter G.

sowas sollte man ja nicht verharmlosen! Das ist ja auch schlimmer, als wenn man Millionen von Menschen eingesperrt und ermordet hat! Dann konnte man Richter bleiben, Bundeskanzler, Polizeipräsident usw... werden!

McNulty 15.08.2012 - 14:57:55

Richtig, aber...

es läuft einem ABER AUCH kalt den Rücken runter, wenn man an diese Personen denkt, die AUCH HEUTE NOCH am Biertisch aufstehen und anschließend ihre Berichte schreiben. Es war früher nicht gut und heute ist es nicht besser, nur mal so angemerkt für diejenigen die sich heute so unheimlich frei fühlen ;)

B. Schrubbke 15.08.2012 - 14:42:47

@MOZ-ABONNENT - Schade

Schade das es heute immer noch die Vergötterer der Stasi-IM`s gibt. War ja alles nicht so schlimm. Es läuft einem kalt den Rücken runter, wenn man an diese Personen denkt, die am Biertisch aufgestanden sind und anschließend ihre Berichte geschrieben haben.

Dieter G. 15.08.2012 - 13:46:47

@MOZ-Abonnent

[Ironie]Zumal man durch das MfS in der DDR nichts zu befürchten hatte.[/Ironie] Sie verunglimpfen die Opfer des MfS wenn Sie hier freiwillige Spitzeltätigkeiten von Frau Kaiser verharmlosen.

Karl Hoppel 15.08.2012 - 13:28:57

Eine linke Opposition wäre nötig

Solange die MÄCHTIGEN in der LINKEN nicht begreifen, dass die Enteigneten, Vergessenen, Ein-Euro-Jobber, Aufstocker, Hartz IV-Empfänger, Diskriminierten - kurz: die Opfer dieses Gesellschaftssystems- einen starken Interessenvertreter brauchen, werden auch Personalrochaden nutzlos bleiben. Es kommt nicht darauf an, an die Macht zu kommen, abzusahnen und dabei seine Wähler zu vergessen. Eine zweite Verräterpartei im Dienste der Konzerne ist nicht nötig. Da wählt man lieber gleich das Original - die SPD.

MOZ-Abonnent 15.08.2012 - 12:42:51

Schade

Wenn die beiden vorherigen Kommentatoren Kerstin Kaiser noch verbale Fußtritte geben, so muss ich sagen: ich bedaure es sehr, dass sie geht. Ihre klare, auch teilweise scharfe Sprache gefiel. So auch, als sie seinerzeit in der Frankfurter Brandenburghalle dem damaligen Minister Reiche ordentlich einheizte, sodass er ziemlich "alt" aussah. Von anderen Auftritten im Landtag und im Land ganz abgesehen. Und es ist auch nicht vergessen wie standhaft sie war, als auf sie eingehackt wurde wegen ihrer im Grunde belanglosen IM-Tätigkeit während ihres Studium in Moskau. Alles Gute, Kerstin Kaiser!

Auahenne 15.08.2012 - 01:38:35

"Alle vier Wochen im Plenum eine gute Rede zu halten, reicht nicht aus",

heißt es bei den Linken. So berichtet die MOZ. Da könnte man ja nur noch ergänzen: Schade um das viele verplemperte Steuergeld an Fraktionschefin Kaiser. (Unsereins schreibt seine Gedanken hier umsonst, in der Freizeit !) (Zitat:) "Wenn es IHNEN nicht in Brandenburg gefällt, dann packen SIE ihren Koffer!" Diese öffentlichen Fotos, mit den offensichtlich körperlich nahen Vertrauensverhältnissen zwischen Herrn Platzeck, Frau Kaiser und auch den anderen Genossinnen, sprechen aber eine andere Sprache. Dass der wieder verheiratete Herr M. Platzeck aber nun seine dienstlichen und privaten Genossinnen der beiden linken sozialdemokratischen Parteien wieder sietzt, ist auch für Nicht-Insider, wie wir, die gutgläubigen Brandenburgischen Bürger, doch recht erstaunlich. Also, Herr Minister Platzeck, wir Ihre braven Untertanen, wurden zwar oftmals von Ihnen politisch belogen, betrogen, verschaukelt und veräppelt, sind aber bei allem "Humorverständnis", nicht ganz so blööd, wie Sie es denn glauben mögen. ;-) "Bis dahin haben sich die Linken im Landtag Schweigen verordnet. Der Abgang ihrer Chefin soll nicht kommentiert werden.", schreibt die MOZ. Richtig, "Dienst ist Dienst und Schnaps ist Privat", sagt ein Volkssprichwort. Da es sich offensichtlich um eine private Auseinandersetzung zwischen Platzeck ./. Kaiser handeln könnte, muss DieLinke dazu auch keine umständliche Presseerklärung abgeben. ;-) Ein anderes Volkssprichwort sagt: "Abreisende soll man nicht aufhalten !" Besonders, wenn sie mehr kosten, als nutzen. Das wäre sogar unökonomisch in Zeiten knapper Haushaltskassen. Überhaupt wäre mal nachzudenken, ob der ganze aufgeblähte Verwaltungsapparat im Land- und Kreistag nicht mal abgespeckt werden könnte. Die Leute könnten ja ehrenamtlich, gesellschaftlich tätig sein.

Realist 14.08.2012 - 23:27:05

Nicht nach vollziehbar

Als am Donnerstag vor dem Wahltag am Sonntag Hr. Platzek sich gegenüber Fr. Kaiser zu dieser Aussage hinreissen ließ: " Wenn es ihnen nicht in Brandenburg gefällt, dann packen sie ihren Koffer!" und dann diese Koalition ihren Weg nahm , dachte ich: " Armes Brandenburg!" und es sollte sich befürworten. Ich trauere Fr. Kaiser keine Träne nach!

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