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Bewegende Lebensberichte bei Sprechstunde zur Aufarbeitung der Stasi-Aktivitäten

"Ich hatte einfach Angst"

Jörg Kühl / 23.10.2012, 18:41 Uhr
Beeskow (MOZ) Am Dienstag hatten Bürger die Gelegenheit, in Beeskow mit einem Mitarbeiter der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur über die Einsicht in Stasi-Akten zu reden. Dabei kamen bewegende Lebensgeschichten zur Sprache.

Wenn Angela Guderle über ihre Erlebnisse in den letzten Jahren der DDR erzählt, dann kullern immer wieder Tränen über ihre Wangen. Dabei sind es nicht nur die direkt erlebten Ereignisse, die die 52-Jährige bis heute aufwühlen, sondern auch Fakten, die sie erst nach dem Fall der Mauer erfahren musste. Ihre Erzählungen handeln von Verrat und Demütigung, von Verlust der Privatheit und von Verfolgungsängsten. Dabei war sie noch nicht einmal eine Systemkritikerin. Als ehemaliges FDJ-Mitglied sei sie durchaus linientreu gewesen.

Nach ihrer Schulzeit übernimmt sie in Stremmen die Poststelle, das erste Kind kommt auf die Welt. Als sich das zweite Kind ankündigt, wechselt sie zum Beeskower Spanplattenwerk, wo sie als Reinigungskraft arbeitet. "Diesen Schritt habe ich nur gemacht, um einen Krippenplatz und eine Wohnung zu bekommen", erinnert sie sich. Weil sie, damals ungebunden, auch mit finnischen Monteuren Kontakt hatte, geriet sie in den Blickwinkel der Stasi.

Wie sie nach der Wende in ihrer Akte las, wurden die Kontakte akribisch notiert, sogar Kleingeld, das ihr zugesteckt wurde, und mit dem sie ihren Kindern in Frankfurt (Oder) Schokolade kaufen ging, war den Spitzeln eine Notiz wert. Oder die Tatsache, dass sei ihren Kindern im Tierpark Berlin Bratwurst kaufte. Doch selbst in der Neugier für das scheinbar Banale offenbarte das System seine unheimliche Omnipräsenz. Als Angela Guderle mit einem westdeutschen Elektriker eine mehrtägige Tour durch die DDR macht, wird sie drei Mal zur Fahndung ausgeschrieben. "Ich musste damit rechnen, in Gefangenschaft zu geraten, obwohl ich überhaupt nichts verbrochen hatte."

Angela Guderle fühlt sich bis heute als Opfer. Denn das Unrecht, das ihr angetan wurde, sei ungesühnt geblieben, obwohl sie die Namen ihrer Peiniger seit einer früheren Akteneinsicht kennt: "Herr R. war damals Sicherheitsinspektor im Spanplattenwerk, der wohnt heute noch unweit davon." Herr D., der ihre Stasiakte unterzeichnet hatte, sei heute in der Kreisverwaltung beschäftigt. "Ich erleide jedes Mal, wenn ich einen Brief vom Landratsamt erhalte, einen Zusammenbruch."

Gestern hat Angela Guderle gemeinsam mit Bürgerberater Reinhard Schult einen neuen Anlauf unternommen, die restlichen Stationen ihrer DDR-Biografie, insbesondere ihre Zeit bei der Post, zu rekonstruieren. Dabei geht es ihr nicht um Rache: "Ich sehne mich danach, meinen Spitzeln von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten, um die wahren Gründe meiner Observierung zu erfahren."

Es sind Geschichten, wie die der Beeskowerin, warum Bürgerberater Reinhard Schult auch 23 Jahre nach dem Mauerfall noch Hilfestellung bei der Akteneinsicht leistet. "Viele haben erst jetzt im Rentenalter Zeit, sich um diesen Lebensabschnitt zu kümmern." Andere würden den Weg zu ihm aus pragmatischen Gründen finden, etwa, um entgangene Rentenansprüche zu klären. Laut Schult lohnt es sich unbedingt, einen Zweitantrag zu stellen, denn: "Es werden täglich neue Akten erschlossen."

Infos unter Tel. 0331 2372920

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