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Historiker Karl Schlögel wird 65 und verlässt die Viadrina

Den Abschied versüßt: Nach seiner letzten Vorlesung wurde Karl Schlögel von Studenten und Mitarbeitern seines Lehrstuhls mit einem Empfang und einer Exkursion ins Kloster Neuzelle überrascht. Beata Halicka servierte polnisches Gebäck.
Den Abschied versüßt: Nach seiner letzten Vorlesung wurde Karl Schlögel von Studenten und Mitarbeitern seines Lehrstuhls mit einem Empfang und einer Exkursion ins Kloster Neuzelle überrascht. Beata Halicka servierte polnisches Gebäck. © Foto: MOZ / Ralf Loock
Ralf Loock / 13.02.2013, 10:19 Uhr - Aktualisiert 13.02.2013, 10:39
Frankfurt (Oder) (MOZ) Der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel verlässt nach knapp 20 Jahren die Europa-Universität. Vor wenigen Tagen verabschiedeten seine Studenten den 64-Jährigen nach seiner letzten Vorlesung. Damit verliert die Universität einen ihrer namhaftesten Professoren.

Als Karl Schlögel vor vielen Jahren das Wirken des großen Berliner Osteuropa-Historikers Otto Hoetzsch würdigte, überschrieb er seinen Aufsatz mit dem plakativen Titel "Von der Vergeblichkeit eines Professorenlebens". Denn Otto Hoetzsch (1876-1946) stand an seinem Lebensende vor den Trümmern seines Wirkens. Hoetzsch, ein Mann mit einer deutschnationalen Einstellung und Mitglied unter anderem im Ostmarkenverein, plädierte für eine auf Verständigung mit den osteuropäischen Staaten bedachte Forschung.

Das brachte ihm zunächst den Vorwurf ein, "russophil" zu sein, die Nazis beschimpften ihn gar als "Salonbolschewisten" und verfügten 1935 seine Entfernung aus dem Universitätsdienst. Als 1945 alles in Scherben lag, war auch Hoetzschs Lebenswerk zerstört, seine Schüler, sofern sie Krieg und Diktatur überlebt hatten, waren in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Auch ein Neuanfang sollte ihm verwehrt bleiben, denn mit Kriegsende ging der Eiserne Vorhang für ein halbes Jahrhundert über Europa nieder.

Ganz anders die Erfahrungen von Karl Schlögel. Der Forscher vom Jahrgang 1948 konnte 1989/1990 erleben, wie dieser Eiserne Vorhang verschwand und die einst kommunistischen Staaten Mittelosteuropas zu Mitgliedern der NATO und der Europäischen Union wurden. Da er seit 1994 als Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Frankfurt (Oder) arbeitet, konnte Schlögel vieles direkt an der Nahtstelle zwischen West und Ost im Alltag erfahren. An der 500-Jahr-Feier, die zu Ehren der historischen Viadrina im Jahr 2006 stattfand, beteiligte er sich unter anderem mit einer großen Oder-Tagung. Zu seinen bekanntesten Büchern gehören die Werke "Berlin - Ostbahnhof Europas", "Die Mitte liegt ostwärts", "Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom" und "Terror und Traum: Moskau 1937".

Zu den nachhaltigsten Dingen, die Schlögel an der Viadrina einführte, gehört das öffentliche Osteuropa-Kolloquium, bei dem an jedem Montagabend während der Vorlesungszeit Viadrina- und Gastwissenschaftler Einblicke in ihre Forschungen geben.

Nach dem letzten Seminar, das Schlögel vor wenigen Tagen leitete, überraschten ihn Studenten, Lehrstuhl-Mitarbeiter und Freunde mit einem kleinem Empfang und einer anschließenden Exkursion ins ehemalige Zisterzienserkloster Neuzelle (Oder-Spree). Dies war eine Anspielung auf Schlögels bewährtes Verfahren, die Geschichte von Räume vor Ort zu erfahren. Nach einem Orgel-Konzert ließ man sich das Bier der Klosterbrauerei schmecken. "Vor dem Beginn der Fastenzeit darf man noch einmal herzhaft zugreifen", meinte dazu Beata Halicka, eine der langjährigen Mitarbeiterinnen an Schlögels Lehrstuhl.

Im Wintersemester hatte der Historiker noch einmal einen Vorlesungs-Zyklus unter dem Titel "Auf Humboldts Schiff!" gehalten. "Ich habe darin meine Vorstellung von dem, was Kulturwissenschaften an der Viadrina sein könnten - nach 20 Jahren - entwickelt. Ich habe vor, diese Gedanken auch als Buch herauszubringen", berichtete er. Eine gesonderte Abschiedsvorlesung könne er sich "derzeit nicht vorstellen", so der 64-Jährige. Um eine erschöpfende Bilanz zu ziehen, "ist es für mich noch zu nah." Im Sommer will er eine neue Aufgabe bei der Siemens-Stiftung in München übernehmen.

Ab dem Sommersemester 2013 wird Werner Benecke an der Viadrina osteuropäische Geschichte unterrichten. Er übernimmt den Lehrstuhl des verstorbenen Historikers Heinz Dieter Kittsteiner (1942-2008). Der Lehrstuhl von Schlögel werde dagegen vorläufig nicht neu besetzt, teilte Uni-Sprecherin Michaela Grün mit. Obwohl der Wissenschaftler selbst dies nach eigenem Bekunden kaum nachvollziehen kann, handelt es sich laut Grün um "eine durchaus übliche Prozedur". Angesichts der angespannten Haushaltslage würden frei werdende Professuren häufig nicht sofort nachbesetzt. Außerdem gebe es eine ganze Reihe von neuen Forschungsvorhaben, die die Osteuropa-Kompetenz der Viadrina stärkten.

Mit seinen vielen Auszeichnungen, unter anderem dem Lessing-Preis 2005, dem Leipziger Buchpreis 2009 und dem Franz-Werfel-Menschenrechtspreis im vergangenen Jahr, brachte Schlögel der Viadrina immer wieder Ruhm ein. Mit Otto Hoetzsch, dem anfangs erwähnten Ahnen der Ostforschung, wird er sich in Kürze wieder beschäftigen. Denn die Deutsche Gesellschaft für Osteuropa-Kunde, die von Hoetzsch 1913 mitgegründet worden war, begeht am 7. März in Berlin ihren 100. Stiftungstag; den Festvortrag wird Karl Schlögel halten. An diesem Tag wird er selbst übrigens seinen 65. Geburtstag feiern.

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