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Verschwörertreff in der Kohlenhandlung

Farbtupfer gegen den Abriss: Anwohner haben am Zaun vor der ehemaligen Kohlenhandlung von Annedore und Julius Leber an der Torgauer Straße Blumen hinterlassen. Foto: MOZ/Maria Neuendorff
Farbtupfer gegen den Abriss: Anwohner haben am Zaun vor der ehemaligen Kohlenhandlung von Annedore und Julius Leber an der Torgauer Straße Blumen hinterlassen. Foto: MOZ/Maria Neuendorff © Foto: MOZ
Maria Neuendorff / 20.03.2013, 19:27 Uhr
(MOZ) Von Maria Neuendorff

Berlin (MOZ) Während er im Vorderraum Kohlen verkaufte, empfing SPD-Politiker Julius Leber im Hinterzimmer seiner Schöneberger Handlung Kommunisten und Hitler-Attentäter. Die historische Stätte des Widerstands soll nun einer Grünfläche weichen.

Bunte Stoffblüten schmücken den Zaun vor der eher schmucklosen Baracke. "Ein Leberblümchen für Annedore", hat jemand dazu geschrieben. Annedore Leber (1904-1968) hatte hier in den 50er-Jahren das Vermächtnis ihres Mannes zu bewahren versucht. Die Witwe des von den Nazis 1945 in Plötzensee hingerichteten Widerstandskämpfers ließ damals die kriegszerstörte Kohlenhandlung an der Torgauer Straße wieder aufbauen.

Um ihre Kinder zu ernähren, verkaufte die gelernte Schneiderin selbst Kohlen. Im hinteren Teil, in dem einst ihr Mann mit führenden Kommunisten wie Franz Jakob und Anton Saefkow sowie dem späteren Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg zu konspirativen Treffen zusammengekommen war, richtete sie einen kleinen Verlag ein. Zusammen mit Willy Brandt brachte Annedore Leber 1954 den Band "Das Gewissen steht auf. 64 Bilder aus dem deutschen Widerstand 1933-1945" heraus.

Es sollte nicht das einzige Buch über Julius Leber bleiben, der, von einem Gestapospitzel denunziert, am 5. Juli 1944 auf dem Kohlenplatz in Schöneberg festgenommen wurde. "Es gibt ganz wenige solcher Orte, die auch die Erinnerung an den zivilen Widerstand wach halten können", sagt Gisela Wenzel von der Berliner Geschichtswerkstatt, die sich gemeinsam mit einer Bürgerinitiative für die Errichtung einer angemessenen Gedenkstätte einsetzt.

Denn im Rahmen des Stadtumbaus West soll der ehemalige Gewerbegürtel zwischen den Bahnhöfen Südkreuz und Schöneberg aufgewertet werden. Der von Gleisen umschlossene ehemalige Arbeiterkiez, der wegen seiner Nazi-resistenten Bewohner schon seit den 30er Jahren als "Rote Insel" bezeichnet wird, bekommt dafür EU-Gelder. Nach den Plänen des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg soll das Leber-Häuschen dabei einem Grünzug für Radfahrer weichen. Als Gedenkort war ursprünglich eine Bodenplatte geplant. "Wir haben weder das Personal noch die Finanzen, dort eine Gedenkstätte zu bewirtschaften", erklärt Baustadtrat Daniel Krüger (CDU). Doch nun drohen auch noch die Fördergelder verloren zu gehen, die bis 2014 abgerufen werden müssten. Denn der Widerstand gegen den Abriss findet bei den Bezirksverordneten durchaus Gehör, die im Februar einen vorläufigen Baustopp für die Parzelle verhängten. "Wie es nun weitergeht, ist derzeit schwer abzusehen", gesteht Krüger etwas ratlos.

Sein Argument, dass die historische Bausubstanz ja schon im Krieg zu 80 Prozent zerstört wurde und das Gebäude nicht mehr authentisch sei, will Gisela Wenzel nicht gelten lassen. "Gerade an so einer ollen Hütte kann man eindrucksvoll zeigen, dass nicht nur Schlossherren und Generäle Widerstand gewagt haben, sondern auch Leute aus ganz bescheidenen Verhältnissen", meint die Historikerin.

Julius Leber, der sich schon als Lübecker SPD-Reichstagsabgeordneter gegen die Nazis stellte und bis 1937 in mehreren KZs inhaftiert war, wurde als mittelloser Mann aus der "Schutzhaft" entlassen. In der Schöneberger Kohlenhandlung hatte er sich danach zum Teilhaber hochgearbeitet. Das Geschäft, wo ein reges Kommen und Gehen herrschte, war zudem eine gute Tarnung. Annedore Leber habe über Jahre einen Sessel aufbewahrt, in dem Stauffenberg regelmäßig Platz genommen hatte, berichtet Gisela Wenzel. Hätte dessen Attentat auf Hitler Erfolg gehabt, wäre der "Kohlenhändler" Julius Leber einer der führenden Männer der neuen Regierung geworden. "Wenn nicht sogar Kanzler."

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Freak 21.03.2013 - 11:50:39

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Endlich wieder mal ein Beitrag von MN. Obendrein recht informativ, insofern lesenswert. Beschämend allerdings die beschriebene aktuelle Situation dieser historischen Stätte. Leider kein Einzelbeispiel in diesem Land.

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