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Gotteshaus zu verkaufen

Für 120 000 Euro zu haben: Die Kirche St. Bernhard in Brandenburg (Havel) wird von der Gemeinde zum Verkauf angeboten.
Für 120 000 Euro zu haben: Die Kirche St. Bernhard in Brandenburg (Havel) wird von der Gemeinde zum Verkauf angeboten. © Foto: picture alliance / dpa
Henning Kraudzun / 27.03.2013, 20:03 Uhr - Aktualisiert 27.03.2013, 20:06
Brandenburg (Havel) (MOZ) Viele Gotteshäuser auf dem Land werden kaum noch genutzt. Die Gemeinden müssen sparen und würden manche Gebäude gerne abgeben. Doch die Nachfrage ist gering.

Der Putz ist grau, aber das Abendlicht lässt die Fassade erstrahlen. Die Innenaufnahmen des Gebäudes zeigen leuchtende Glasfenster, Kreuze, Marienskulpturen und viel Mobiliar aus Holz. Was auch nicht verwundert: "Kirche im beliebten Wohngebiet" heißt die Anzeige im Internet, einsortiert unter "besondere Immobilien".

Makler Torsten Lubinsky wurde von der katholischen Gemeinde "Heilige Dreifaltigkeit" betraut, das Gotteshaus in Brandenburg (Havel) zu verkaufen. 120 000 Euro sind aufgerufen, für 250 Quadratmeter Wohnfläche und ein 1000 Quadratmeter großes Grundstück. Doch das Objekt "St. Bernhard" ist bislang ein Ladenhüter.

"Viele sind neugierig, haben aber wenig Ideen", sagt er. Eine Hürde ist aus Sicht von Lubinsky, dass die Kirche aus den 1930er-Jahren unter Denkmalschutz steht, was Umbauten erschwert. Dabei hat er bereits Erfahrungen mit ähnlichen Fällen: Vor drei Jahren verkaufte er ein Gotteshaus der Neuapostolischen Kirche an eine Familie.

Pfarrer Matthias Brühe sagt, dass St. Bernhard schon lange als überzählig galt. Zwei Gottesdienste finden wöchentlich dort noch statt, donnerstags für die älteren Bewohner aus der Stahlarbeitersiedlung, sonntags ist die russisch-orthodoxe Gemeinde zu Gast. Diese habe das Gebäude aber nicht komplett übernehmen wollen, sagt der Geistliche.

Fest steht für ihn: "Die laufenden Kosten können wir uns nicht mehr leisten." Die Gemeinde besitzt insgesamt vier Gotteshäuser, darunter eine architektonisch bedeutende Kirche aus dem 12. Jahrhundert. Die Gemeinde entscheidet, wer den Sakralbau übernehmen darf. Gaststätten, Diskotheken oder Supermärkte seien aber "absolut ausgeschlossen", sagt Brühe.

Zustimmen muss auch das zuständige Erzbistum Berlin. "Unsere Gotteshäuser werden nicht verhökert", betont Bistumssprecher Stefan Förner. Die Konzepte für eine Nachnutzung würden genau geprüft, Priorität hätten Verkäufe an freikirchliche Gemeinden oder Kulturschaffende. "Aber die Interessenten stehen leider nicht Schlange."

Förner kann gute und schlechte Beispiele für Entweihungen aufzählen. Zufriedenstellend verlief aus seiner Sicht die Übergabe einer Kapelle an eine Künstlerin in Wiesenburg (Teltow-Fläming), die sie behutsam sanierte. Ebenso der Verkauf der Kirche St. Agnes in Berlin-Kreuzberg an den bekannten Galeristen Johann König. Aber es habe auch negative Fälle gegeben, sagt Förner. In Gatow wurde im Jahr 2005 die Kirche St. Raphael abgerissen, gegen großen Widerstand. Heute steht dort ein Discounter. Im gleichen Jahr fiel die katholische St.-Johannes-Capistran-Kirche in Berlin-Tempelhof. Dort entstand ein Pflegewohnheim.

Seit der Jahrtausendwende musste das Erzbistum, das die Hauptstadt, weite Teile Brandenburgs und Vorpommern umfasst, 22 Gotteshäuser abgeben, meist kleine Kapellen. "Wir können den Unmut vor Ort verstehen, da gehen Traditionen und emotionale Bindungen verloren", so Förner. "Aber wir müssen manchmal auch Baulast loswerden."

In Deutschland schrumpft die Zahl der katholischen Gottesdienstbesucher: Nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz besuchte in den 50er-Jahren noch jeder zweite Gläubige regelmäßig Gottesdienste, heute sind es noch zwölf Prozent. 400 000 Katholiken zählt das Erzbistum Berlin. Immerhin: Diese Zahl blieb laut Förner zuletzt stabil.

Allein 2000 Sakralbauten verwaltet die Evangelische Landeskirche, 1600 davon auf dem Land. Sie seien nicht mehr nur "Orte der Verkündigung", sagt Sprecherin Heike Krohn, sondern Zentren für Kulturveranstaltungen. Vereine engagieren sich für den Erhalt. "Die Kirche im Dorf ist vielen Menschen wichtig."

Daher hätten nur 30 Kirchen seit der Wende abgegeben werden müssen - allein die Hälfte an andere christliche Gemeinschaften. Probleme nach einem Verkauf habe es in Berlin und Brandenburg noch nicht gegeben. Allerdings in Hamburg, wo eine stillgelegte evangelische Kirche an Moslems übertragen werden soll. Kritik übt daran auch Bistumssprecher Förner: "Einen Triumph einer Religion über eine andere kann man nicht wollen." (Mit Adleraugen)

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