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Joe Probst - ein Rummelkind

Rummlekind: Joe Probst am Kinderkarussell.
Rummlekind: Joe Probst am Kinderkarussell. © Foto:
ABEISZERN / 16.04.2008, 08:47 Uhr
Fürstenwalde Schließt man die Augen und atmet tief ein, dann ist es wie früher: Der süßliche Duft von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln liegt in der Luft, vermischt mit dem herben Geruch der Bratwurst. Gleichzeitig dringt ein undefinierbarer Musikmix ins Ohr. Aus jeder Richtung kommt etwas anderes, meist Popmusik - vermischt mit den Geräuschen der Maschinen, die die Karussells bewegen. Öffnet man die Augen, sind da die bunten Lichter, die Wimpel, die Buden. Genauso wie damals, als man als kleines Kind erstmals mit seinen Eltern auf dem Rummel war.

Für Joe Probst ist das Alltag. Nicht, weil er so oft mit Freunden hier war. Der 16-Jährige wohnt hier, in seinem Wagen. Er gehört zur siebenten Generation seiner Familie, die mit ihren Attraktionen durch das Land fahren, jetzt in Fürstenwalde Station gemacht hatten.

Joe betreut das neue Kinderkarussell, das sein Vater vor Kurzem gekauft hat. "War ein Schnäppchen", so Joe. "Aber es passt noch nicht zu den anderen Fahrgeschäften." Anfangs ging keine Lampe, es war unlackiert. Wie sehr ihn das ärgert, wird deutlich, wenn man bei ihm im Wohnwagen sitzt, den er selber abbezahlt. Er hat ihn seit drei Jahren, und er sieht aus wie neu. Für Joe ist es sehr wichtig, dass alles aufgeräumt und gepflegt ist. Er möchte noch nicht mal verreisen: "Mich freut es, wenn ich vor dem Wagen stehe, alles sauber ist und funktioniert."

Der Rummel zieht durch Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Das Winterquartier ist für drei Monate in Teltow. Das war die längste Zeit in der gleichen Schule, mittlerweile ist er fertig. Auf Tour musste er jede Woche in eine andere, sich stets in eine neue Klasse integrieren. "Ich war immer der Pausenclown, daher hatte ich nicht so oft Probleme", sagt Joe. Nur manchmal, wenn er als Zigeuner beschimpft wurde. Auf dem Rummel müssen die Schaustellerkinder wie ihre Eltern irgendwie alles lernen: Kabel verlegen, Motoren reparieren, schweißen und lackieren. Wenn unterwegs etwas kaputt geht, ist kein Mechaniker da, der helfen könnte.

In der Saison kann auch nicht einfach freigemacht werden, nicht mal, wenn jemand gestorben ist. Jeden Tag müssen sie um acht aufstehen und bis 23 Uhr arbeiten, bei manchen Festen gar bis früh um zwei. Abends gibt es oft Randale. "Tagsüber ist es schön, da sind die Familien da", erzählt Joe. "Aber Abends kommen die Betrunkenen und werden brutal." Wenn es Ärger gibt, rufen sie kaum noch die Polizei: "Die wissen, wie hart das ist. Von zehnmal, wo wir die brauchen, kommen sie zwei- oder dreimal. Die haben selber Angst."

In Bitterfeld hat Joe mal zwei Leute überrascht, die sich an einem Wohnwagen zu schaffen machten. Ein Dritter kam hinzu. Die schlugen eine halbe Stunde auf ihn ein, ritzten ihm mit einem Messer in den Oberarm. Sein Vater fand ihn. Zwei Wochen lag Joe im Krankenhaus.

Wenn er 18 ist, übernimmt er mit seinem Bruder die Buden und Karussells von seinem Vater. "Man hat nicht viel von seiner Kindheit, aber man lernt viel und weiß, worum es im Leben geht."

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