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Leichenräuber müssen in Haft: Ein Urteil und viele offene Fragen

Dietrich Schröder / 27.05.2013, 19:38 Uhr
Posen/Hoppegarten (MOZ) Im polnischen Posen wurden am Montag drei der Beteiligten an dem spektakulären Autodiebstahl mit zwölf Leichen vom vergangenen Oktober verurteilt. Viele Fragen sind dennoch offen, vor allem auch bezüglich der Würde im Umgang mit Toten in Deutschland.

Es gehört zu den Besonderheiten im polnischen Justizwesen, dass Angeklagte bei der Verkündung eines Gerichtsurteils nicht anwesend sein müssen. Deshalb konnte man Maks S., Rafal K. und Radoslaw B. am Montag auch nicht in die Augen schauen, als Richterin Anna Michalowska ihre Urteile gegen sie verlas und begründete.

Seit dem Prozessbeginn vor zwei Monaten hatte das Trio immer wieder behauptet, nichts von den zwölf Särgen geahnt zu haben, die sich in einem der Fahrzeuge befanden, die in Hoppegarten bei Berlin gestohlen worden waren. Sie seien überhaupt nur als Fahrer angeheuert worden. Während die Richterin die erste Behauptung nachvollziehen konnte, ließ sie sich von den weiteren Aussagen nicht beeindrucken. Zum einen, weil ein weiterer Täter bereits zu Jahresbeginn seine Beteiligung gestanden hatte und dafür zu elf Monaten Haft verurteilt worden war. Er trat in dem Verfahren als Kronzeuge auf. Und zum zweiten, weil es eindeutige Beweise dafür gibt, dass die Angeklagten mit dem vermeintlichen Drahtzieher der gesamten Aktion, dem sowohl in Polen wie in Deutschland vorbestraften Tomasz Sporny in Kontakt standen. In der Berliner Wohnung des 34-Jährigen sollen die Details der Aktion in der Nacht des Diebstahls besprochen worden sein.

Bedauerlich an dem Verfahren war freilich, dass es ohne Sporny stattfand, weil dieser gleich nach dem Vorgang untergetaucht war und bis jetzt trotz eines internationalen Haftbefehls nicht gefunden werden konnte. Wo er sich seit Oktober aufhält, weiß angeblich nicht einmal seine Posener Geliebte Anna Szymanowska. Jedenfalls behauptete sie dies in ihrer Zeugenaussage vor Gericht. In welchem Milieu sie zuvor mit ihm verkehrte, lässt sich aber auch aus ihrer Auskunft ablesen, dass sie zwar arbeitslos sei, andererseits aber "öfters zum Shopping nach Deutschland oder Schweden gefahren" sei.

Vermutlich hat Sporny nicht nur zunächst die Särge mit den Leichen in einem Wald 80 Kilometer östlich von Posen entsorgen lassen. Dort fand sie die polnische Polizei acht Tage nach der Tat, am 23. Oktober. Irgendjemand muss zudem auch von außen auf den jetzigen Prozess Einfluss auszuüben versucht haben - und da fällt einem auch niemand anderes ein als der 34-Jährige. Denn der Kronzeuge fühlte sich nach seinem Geständnis im Februar von nächtlichen Anrufen und anderen Aktionen bedroht - was wiederum dessen besorgte Mutter der Staatsanwaltschaft berichtete. Die Richterin hob dies in ihrer Urteilsbegründung ausdrücklich hervor.

Freilich war das gesamte Verfahren von Anfang überschattet von der makabren Fracht, die sich in einem der drei gestohlenen Autos befand. Jenen zwölf Särgen mit Leichen, von denen keiner ahnen konnte, dass sie über Nacht in einem nicht als Bestattungsfahrzeug gekennzeichneten Wagen abgestellt waren. Die Öffentlichkeit in Deutschland wie in Polen war gleichermaßen davon schockiert, dass so etwas möglich ist. "In einem so zivilisierten Land wie Deutschland", wie einer der polnischen Verteidiger hervorhob, als er auf Freispruch für seinen Angeklagten plädiert hatte. Doch selbst diese Tatsache war nicht die ganze makabre Bilanz des Ereignisses. "Am liebsten möchte man das gar nicht wiedergeben", hatte eine Strausberger Polizistin erklärt, nachdem sie zum ersten Mal die Fotos der gefundenen Leichen gesehen hatte.

Die meisten lagen nackt oder in Krankenhauskleidern in den grob zusammengehauenen Särgen, mit denen sie ins Krematorium gebracht werden sollten. Bei einem war nicht einmal die Kanüle mit dem Beatmungsschlauch entfernt worden. Für die Strausberger Polizisten, die an der Obduktion in der Posener Gerichtsmedizin teilnahmen, war dies Grund genug, von Amts wegen ein Verfahren wegen Betrugsverdachts gegen die Bestatter und das Transportunternehmen einzuleiten.

Binnen siebeneinhalb Monaten ist es den polnischen Behörden mit dem Urteilsspruch gelungen, die Autodiebe rechtskräftig zu verurteilen, während die deutsche Polizei und Staatsanwaltschaft immer noch den Betrugsverdacht untersuchen. Dass das deutsche Verfahren "kurz vor dem Abschluss steht", hieß es jetzt zumindest von der Strausberger Polizei. Von der Staatsanwaltschaft in Frankfurt (Oder) war zu erfahren, dass sich alle Beteiligten gegenseitig den Vorwurf machen, Verträge nicht eingehalten zu haben. Weil es offenbar keine grundlegenden Regeln gibt, die bei Bestattungen und Kremierungen eingehalten werden müssen, sei eher mit Geldstrafen oder außergerichtlichen Einigungen zu rechnen. Wie es heißt, hätten die Bestatter den Angehörigen der zwölf Toten bereits Nachlässe auf ihre ursprünglichen Rechnungen gewährt, als die Angelegenheit für Schlagzeilen sorgte.

"Die ganze Branche wurde in Mitleidenschaft gezogen, auch wenn die betroffenen Unternehmen bis auf eins gar nicht Mitglied unserer Innung sind", sagt der Sprecher der Bestatter-Innung von Berlin und Brandenburg, Fabian Lenzen. Seither würden viel mehr Angehörige als zuvor genau nachfragen, "wie die Toten denn transportiert werden und wie die Särge genau aussehen, in denen sie zum Krematorium gefahren werden". Wichtig sei, dass solche Details vertraglich festgelegt würden, damit man sich darauf berufen könne.

Schon unmittelbar nach dem Vorfall hatte der Bundesverband Deutscher Bestatter den "pietätlosen Massentransport von Verstorbenen" kritisiert. Der Berliner Bestatter Karlheinz Schulz, dem das Fahrzeug gehörte, in dem sich die zwölf Särge befanden, will davon wenig wissen. Am Telefon schimpft er lieber über die "polnischen Diebe" und verweist auf seinen Anwalt, "weil viele Lügen über den Vorgang verbreitet" würden.

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leser 28.05.2013 - 11:13:24

deutschland sollte sich ein beispiel nehmen

pech für die diebe,dass sie in polen vor gericht standen. in deutschland wäre wieder ein bewährungsurteil gesprochen worden,weil man auch die schuld nicht genau nachweisen konnte. die polen machen aber kurzen prozeß und lassen sich in dieser beziehung nicht verarschen

paul wust 28.05.2013 - 06:41:54

fifty, fifty

In diesem einen Fall haben sich weder die deutsche, noch die polnische Seite etwas vor zu werfen. Die einen wegen ihrer Bestatter und die anderen wegen ihrer Diebe. Erstere scheinen keinen Deut besser zu sein als die polnischen Diebe, die im Gegensatz zu den deutschen Kriminellen schon verurteilt sind. Was absolut inakzeptabel ist, dass in einem "zivilisierten Land" wie Deutschland, wo jeder Mist durch Gesetzgeber und Ämter bis ins Kleinste und Unsinnigste geregelt werden muss, es nicht mal einen Ehrenkodex für Leichenfledderer mit Gewerbegenehmigung gibt. Am Besten man überträgt diese Angelegenheit dem Europäischen Parlament. Aber die schreiben dann den Mitgliedsländern auch noch vor, dass der Krematoriumssarg wegen der Umweltbelastung aus einer bestimmten Holzsorte gefertigt wird, Rollen und eine Innenbeleuchtung mit Energiesparlampen haben muss.

Die Unschuld vom Lande 27.05.2013 - 21:07:28

Peitsch, Klatsch, Peitsch, Klatsch ...

... oh je, mein Rücken ist schon ganz Rot ... Peitsch, Klatsch ... ich finde als Deutscher trägt man schon eine gewisse Grundschuld am Elend dieser Welt ... Klatsch, Peitsch ... eindeutig meine Schuld das die Transporter gestohlen wurden .... Klatsch Peitsch ... hätte ich wenigstens de Luftschläuche rausgezogen, deshalb wurden bestimmt die Leichen gestohlen ... Peitsch Klatsch ...

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