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Vor 30 Jahren landeten Greenpeace-Aktivisten in Großziethen

In nur acht Minuten startklar: Greenpeace-Aktivisten richten am Morgen des 28. August 1983 auf einem abgelegenen Sportplatz in Wilmersdorf den Heißluftballon auf.
In nur acht Minuten startklar: Greenpeace-Aktivisten richten am Morgen des 28. August 1983 auf einem abgelegenen Sportplatz in Wilmersdorf den Heißluftballon auf. © Foto: Greenpeace
Maria Neuendorff / 27.08.2013, 19:06 Uhr
Berlin (MOZ) Am 28. August 1983 schwebten von West-Berlin aus Greenpeace-Aktivisten aus Protest gegen Atombombentests der vier Mächte mit einem Heißluftballon über die Mauer. Nach ihrer Landung wurden sie von NVA-Soldaten empfangen.

Den Startschuss gibt die telefonische Wetteransage. Nach wochenlangem Warten steht an einem kühlen Sonntag im August der Wind günstig. Mit einem Möbelwagen karren Greenpeace-Aktivisten um sechs Uhr in der Früh einen Heißluftballon auf einen Sportplatz in Wilmersdorf. Wochenlang haben sie gesucht, um die von vielen Bäumen versteckte Anhöhe zu finden. Trotzdem ist große Eile angesagt. "Wir brauchten nur acht Minuten, bis wir in der Luft waren", erinnert sich Gerd Leipold.

30 Jahre später ist der Schwabe an den Startplatz zurückgekehrt, um sich gemeinsam mit seinem Londoner Freund John Sprange an die spektakuläre Greenpeace-Aktion zu erinnern, die weltweit für Aufsehen sorgte. Der Fußballplatz ist so menschenleer wie damals. "Unser einziger Zeuge war ein Junge mit einem Ball. Aber den schienen wir gar nicht zu beeindrucken", wundert sich der Leipold noch heute.

Monatelang hatten sie damals das Ballonfahren in Aachen intensiv trainiert. "Das ist sehr gefährlich und anspruchsvoll, denn einen Ballon kann man nicht aktiv steuern", erklärt ihr damaliger Lehrer Karl-Ludwig Usemeyer.

Doch es gibt auch kein Gefährt, das so viel Aufmerksamkeit anzieht und gleichzeitig Friedfertigkeit ausstrahlt. Um trotzdem vor Angriffen gefeit zu sein, rufen Greenpeace-Helfer gleich nach dem Start mehrere Ämter und Polizeistationen in West- und Ost-Berlin an, um über die Mission aufzuklären. Die Umweltorganisation will öffentlichkeitswirksam auf die 70 000 Atomwaffen auf der ganzen Welt aufmerksam machen. "Berlin war für uns der einzige Platz, an dem wir gleichzeitig gegen die Tests von vier Atommächten demonstrieren konnten", erklärt Leipold, der jahrelang Greenpeace International leitete. "Unser Traum war es, auf dem Alexanderplatz zu landen."

Doch diesen Gefallen tut der Wettergott der Crew nicht. Der Ballon treibt in 300 Metern südlich nach Steglitz am Kreisel vorbei. Beim Grenzübertritt in Höhe des Lichtenrader Damms werden sie von einem Grenzposten mit dem Fernglas beobachtet. Als der Engländer und der West-Deutsche nach 40 Minuten Flug auf einem Feld zwei Kilometer südöstlich von Großziethen aufsetzen wollen, machen ihnen Passanten wilde Zeichen, dass sie schnell wieder aufsteigen sollen. "Die dachten wohl, wir sind Republikflüchtige, die auf der falschen Seite der Mauer gelandet sind", erinnert sich John Sprange, der damals als Captain bei Greenpeace arbeitete.

Nach der Landung umstellen NVA-Soldaten mit Kalaschnikows den Ballon. Die Grenzverletzer werden zu einer nahen Polizeiwache gebracht. In Königs Wusterhausen werden sie von der Stasi verhört. "Klar haben die auch mal unterschwellig versucht zu drohen, aber wir haben uns stark gefühlt, weil wir ja eine große Organisation hinter uns hatten", sagt Leipold.

Die Aktion ist für die SED eine Überraschung. Bisher hatte sich Greenpeace bei ihren Protestaktionen gegen Atomrüstung und Umweltzerstörung auf die westlichen Länder beschränkt. Nach nur sechs Stunden werden die beiden Aktivisten mit einem Privat-Pkw zum Grenzübergang nach Berlin-Friedrichstraße gefahren. Als man sie dort in den Zug setzen will, weist Leipold darauf hin, dass man kein Geld für die Fahrkarten habe. Schließlich habe es mit dem Ballon keinen Zwangsumtausch gegeben. Den Grenzern ist egal, ob die beiden Aktivisten schwarz fahren.

Die dicke Rechnung kommt zwei Jahre später. 8523 D-Mark muss Greenpeace 1985 bei der Rückgabe des Ballons an der Grenzübergangsstelle Zarrentin/Hagenow der DDR für "entstandene Kosten" entrichten. Dem Deal war ein Brief an Sowjet-Chef Gorbatschow vorausgegangen, in dem Greenpeace erklärte, das Gefährt dringend für eine Protestaktion gegen französische Atomtests zu benötigen. "Da bekamen wir den Ballon ohne Kratzer zurück. Makellos zusammengefaltet."

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