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Maskenmann-Prozess: Konsequent ignoriert

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Beate Bias / 19.05.2015, 07:52 Uhr
Frankfurt(Oder) (MOZ) Kurz vor dem Ende des Prozesses um die Überfälle auf zwei wohlhabende Familien im Landkreis Oder-Spree schlagen die Wellen noch einmal hoch. Die Verteidigung beklagt sich über einseitige Ermittlungen. Hat die Polizei einen Mann aus den eigenen Reihen gedeckt?

Verpasste Gelegenheiten, ignorierte Fakten, nicht gezogene Konsequenzen. Wenn am Freitag Rechtsanwalt Axel Weimann das Wort im Gerichtssaal 007 ergreift, geht es sicher nicht nur um sein Plädoyer. Der Jurist wird so etwas wie einen zweiten Versuch starten. Sein Interesse gilt dabei nur einem Mann: dem Piloten und früheren Bundespolizisten Andreas K. Bereits im April dieses Jahres geisterte der Name durch den Gerichtssaal. Der Vorsitzende Richter Matthias Fuchs hatte zwei frühere Kollegen aus der Hubschrauberstaffel in Blumberg (Barnim) als Zeugen geladen. Eigentlich ging es um verkorkste Videoaufnahmen, die kurz nach der Entführung des Berliner Unternehmers Stefan T. hoch über dem Storkower See aufgenommen wurden. Doch dann fiel mitten in der Befragung der Beamten plötzlich der Name Andreas K.

"Mein Leiter wollte eine Dienstzeitabrechnung von ihm haben", erinnerte sich Steve D. als Zeuge vor Gericht. In den Fokus der Ermittler war der Pilot im Jahr 2013 geraten, weil er finanzielle Probleme und einen nicht genehmigten Nebenjob hatte. Es kam zu Spannungen mit seinem Chef - und später zu einem Wechsel von der Bundes- zur Landespolizei. "Wir haben ihn aber sehr schnell als Täter ausgeschlossen", sagte am Montag ein Beamter, der damals mit den Ermittlungen betraut war. Sein Dienstplan verschaffte ihm ein lückenloses Alibi.

Ganz neu sind die Erkenntnisse über Andreas K. nicht. Trotzdem sah sich die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) am Montag veranlasst, eine Stellungnahme über Medienberichte vom Wochenende abzugeben. Darin stellte die Behörde klar, Andreas K. könne nicht der Maskenmann sein, weil er wenige Stunden nach der Entführung am 5. Oktober 2012 zu seiner Dienststelle nach Blumberg (Barnim) gerufen wurde. Fast eine Stunde ist er dorthin unterwegs. Laut Zeiterfassung ist er von 6 bis 10 Uhr im Einsatz. Ein Anruf mit dem Diensttelefon und ein Kollege bestätigen seine Anwesenheit.

Traut man den Angaben der Behörde, muss sich der Mann in seinem Haus in Wendisch-Rietz (Oder-Spree) und später in seiner Dienststelle in Blumberg befunden haben, als ein maskierter Mann in die Villa von Stefan T. und seiner Familie am Storkower See stürmt.

Die nächsten 33 Stunden schildert das vermeintliche Opfer sehr ausführlich vor Gericht und bei der Polizei. Mit einem Kajak geht es am 5. Oktober 2012 über den Storkower See. Der Täter im Boot, das Opfer im zwölf Grad Celsius kalten Wasser. Spätestens an diesem Punkt treten erste Zweifel an der Entführung auf. Ein Gutachter des Brandenburgischen Landesinstituts für Rechtsmedizin (BLR) spricht es im Gerichtssaal als erster Zeuge offen aus. Rechtsmediziner Harald Voß kommt zu dem Schluss: "Ein Opfer kann unter den geschilderten Bedingungen nicht überlebt haben."

Ohnehin gibt es viele Fragezeichen. Als in dem Prozess ruchbar wird, dass es innerhalb der Polizei verschiedene Lager gibt, kommen große Zweifel an den Ermittlungen auf. Es sind zwei Personen, die die Suche nach dem Täter bis heute maßgeblich beeinflussen. Da gibt es zum einen den Leiter der Sonderkommission "Imker", der gleichzeitig Chef der Kriminalpolizei ist. Siegbert K. hat zum Zeitpunkt der Entführung einen Beitrag des Magazins "Spiegel" gelesen. Es geht um eine Entführung im baden-württembergischen Heidenheim. Im Mai 2010 wird die Ehefrau eines Bankiers gekidnappt und ermordet. Später gerät der Ehemann unter Verdacht. Weil er in seiner Trauer dem Druck der Ermittler nicht aushält, begeht er Suizid.

Solch ein dramatisches Ende soll der Fall im Land Brandenburg nicht nehmen, entscheidet Siegbert K. Schützenhilfe erhält er später von seinem Vorgesetzten - dem Polizeipräsidenten und heutigen "Noch"-Innenstaatssekretär Arne Feuring. Anfangs ist es keine direkte Anweisung, dass die wohlhabende Familie mit Samthandschuhen angefasst werden soll. Erst später als es immer mehr Bedenken von immer mehr Kollegen gibt, schlägt Siegbert K. laute Töne an. Es kommt zu unschönen Szenen mit derben Schimpfwörtern. Mitarbeiter erhalten nach eigenen Angaben klare Anweisungen, dass "in diese Richtung" nicht ermittelt werden soll. Das Vorgehen hält Siegbert K. bis heute für korrekt. Im Gerichtssaal streitet er als Zeuge jegliche Manipulation seiner Mitarbeiter ab. Während kritische Beamte inzwischen von ihrem Posten versetzt oder freiwillig das Handtuch geworfen haben, führt Siegbert K. bis heute die Kriminalpolizei. Sein damaliger Unterstützer Arne Feuring ist unterdessen wegen manipulierter Statistiken auf Suche nach einem neuen Job.

Inzwischen ist bekannt, dass der Hinweis auf den Angeklagten Mario K. von der Berliner Polizei stammte. Der 47-jährige Sonderling passt ins Bild. Er ist vorbestraft, weil er in Yachten reicher Leute einbrach und die Boote später in Brand setzte. Auch sein konspirativer Lebensstil macht die Beamten stutzig. Mario K. lebt im Wald. Er hat im Schützenverein mit einer Pistole Marke Ceska geschossen. Das Modell soll auch bei zwei Übergriffen auf die wohlhabenden Familien in Bad Saarow und Storkow verwendet worden sein. Von nun an wird konsequent ignoriert. Alles, was nicht zur Theorie des Einzeltäters passt, wird ausgeblendet und weggeschoben. Sind es Inkompetenzen oder Verschleierungen? Als im April 2015 der Name des Bundespolizisten Andreas K. zum ersten Mal im Gerichtssaal fiel, wittert die Verteidigung neue Ansatzpunkte. Rechtsanwalt Axel Weimann stellt Beweisanträge - die der Vorsitzende Richter Matthias Fuchs und seine Strafkammer ablehnen.

Nun stehen neue Vorwürfe im Raum. Laut Medienberichten soll Andreas K. die Ehemänner beider Millionärsfamilien gekannt haben. Belege gibt es dafür nicht. Was die Staatsanwaltschaft dazu veranlasste zu verkünden, dass es keinen "Wiedereintritt in die Beweisaufnahme" gibt. Auch bei der Generalstaatsanwaltschaft sieht man keinen Grund zur Unruhe. "Wir wussten von Anfang an, es ist ein Indizienprozess. Eine Verurteilung des Angeklagten ist nicht zwingend", sagte Sprecher Eugen Larres am Montag.

Noch am Wochenende hatte sich der innenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion zu den Medienberichten vom Sonnabend geäußert. Seine Formulierungen sind vorsichtig, aber eindeutig. Er fordert den Austausch der Ermittler und des Staatsanwaltes sowie eine Rückkehr zur Beweisaufnahme. Was dazu führte, dass sich das Landgericht am Montag mit einer knappen, aber sehr deutlichen Erklärung zu Wort meldete. "Die zuständige Strafkammer des Landgericht hat über die Wiedereröffnung der Beweisaufnahme in richterlicher Unabhängigkeit zu entscheiden", sagt Landgerichtspräsident Holger Matthiessen. Eine Einflussnahme von Fraktionen des Landtags hält er für unangemessen. Sie widerspreche dem Grundsatz der Gewaltenteilung.

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Gino Lorenzo 19.05.2015 - 16:59:39

Toni war's

Nach noch unbestätigten Meldungen hat die Innenrevision der OSA Kommunikationsprobleme zwischen der STA in FF und der in PP festgestellt. Mit großem Bedauern wurden "toni", "stupido" und "muschi" falsch übersetzt.

Ungläubiger 19.05.2015 - 16:44:08

Haben die sie noch alle???

Das kann einfach nicht wahr sein... Sind so die Staatsanwaltschaften und Richter heute aufgestellt??? Bin ich in Deutschland oder in Lummerland??? "Wir wussten von Anfang an, es ist ein Indizienprozess. Eine Verurteilung des Angeklagten ist nicht zwingend", sagte Sprecher Eugen Larres am Montag." Wow, das nenne ich doch mal eine Ansage, wir belasten einen - vermutlich - unschuldigen Menschen, weil der mit seiner Vergangenheit und seinen Lebensstil so gut passt und wir einen anderen Täter nicht wollen und das Gericht kann dann ja auf Freispruch gehen.. Wir haben es mal probiert... Wie Gerichtsprozesse kosten auch Steuergelder..... Ich glaube es einfach nicht...

Onkel Mario 19.05.2015 - 16:28:26

Machen wir bei uns

in Sizilien immer so. Wir kaufen Richter und Staatsanwalt und sagen dann Toni isse die Mörder und schon isse Toni der Mörder. Wenn Gericht und Staatsanwaltschaft sich angegriffen fühlt, dann sie sich sie sich korrekt aufregen... Wir sind unabhängig uns so...lach... Wir kaufen auch Politiker und Polizisten... isse aber in Alemania nicht möglich, sagt Polizei, Staatsanwaltschaft und die Richter.... Aha und wir glauben... War da nicht ein Frankfurter Richter und Staatsanwalt wegen Rechtsbeugung vor Gericht... Wie war das noch mal???? Was nicht passt wird passend gemacht...nich Toni... und Toni weint weil er isse gar nicht der Mörder

vollhonk 19.05.2015 - 12:43:42

@Der Beobachter

Beim Lesen des Artikels, besonders im letzten Drittel, bemerke ich zunehmend Parallelen zu dem anderen "großen Strafprozeß", der ohne absehbares Ende in München stattfindet und der ebenso auf die Festlegung auf bestimmte Täter, in diesem Falle durch die "ganz große Politik", beruht.

Storkower 19.05.2015 - 11:51:50

Frage Richter Fuchs,

Müssen Opfer, wie Bewohner dieser Region davon ausgehen, sich weiter in Gefahr zu befinden? Können Sie für unseren Schutz garantieren?

peter-michael-Pusteblume 19.05.2015 - 09:30:53

Indizien

Wenn diese Indizien ausreichen, dann war IM Sekretär ein klarer Stasispitzel. Zweierlei Recht im Umgang mit der Unschuldsvermutung. Im Zweifel auch für einen Ganoven und nicht nur für Ministerpräsidenten!

Der Beobachter 19.05.2015 - 08:43:38

Kinoreife Vorstellung

Man fühlt sich beim Lesen des Artikels in einen amerikanischen Western in Oklahoma des 19. Jahrhunderts zurück versetzt. Für den Angeklagten dürften die "qualitativ hochwertigen" Ergebnisse der Ermittlungsbehörden allerdings nicht ganz so witzig sein.

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