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Dividende für die Dörfer

Henning Kraudzun / 09.10.2015, 07:03 Uhr
Potsdam (MOZ) In Mecklenburg-Vorpommern können Bürger künftig per Gesetz eine Beteiligung an Windparks erhalten. Die rot-rote Koalition in Brandenburg diskutiert ein ähnliches Modell. Dabei gibt es bereits Beispiele im Land, bei denen Anwohner von Windrädern profitieren.

16 Rotoren stehen auf Feldern rings um Schlalach. Sechs weitere sollen in den kommenden Monaten folgen. Doch eine Bürgerinitiative wie in vielen anderen Brandenburger Orten, die sich gegen eine "Verspargelung" ihrer Heimat wehren, existiert in dem Fläming-Dorf nicht. "Die Akzeptanz war schon immer gut. Es gibt keine Unruhe, keine Unterschriftenlisten", sagt Hartmut Höpfner.

Der Landwirt hatte 2010 mit anderen Einwohnern eine Arbeitsgruppe gegründet, als Investoren vor der Tür standen. Das Gremium holte 120 Grundstückseigentümer, auf deren Flächen die Windräder stehen, an einen Tisch und vereinbarte gemeinsame Strategien. Die wichtigste Forderung: Neben der Pacht sollten 0,75 Prozent der Einspeisevergütung an eine gemeinnützige Bürgerstiftung fließen.

"Wir wollten uns nicht abspeisen lassen, sondern Geld für die Vereinsarbeit herausholen. Es sollten alle etwas von den Windrädern haben", sagt Höpfner. Schließlich wurde jenes Pilotmodell zusammen mit dem Betreiber Enercon entwickelt. Ein Erfolgskonzept, wie der 60-Jährige findet. Mittlerweile überlegen die Schlalacher, über Kredite eine eigene Mühle zu errichten. "Die Zinsen sind günstiger denn je."

Für Enercon, größter deutscher Hersteller von Windrädern, ist das Motiv klar: "Wir müssen Akzeptanz schaffen, die Menschen vor Ort mitnehmen", sagt Unternehmenssprecher Michael Liesner. "Schließlich rücken die Anlagen näher an Siedlungen heran." Dabei hat Enercon verschiedene finanzielle Beteiligungsmodelle für Bürger und Kommunen entwickelt. So werden in Thüringen zusammen mit einer Bank sogenannte Energiesparbücher angeboten, in die Dividenden aus Windkraft fließen.

Auch in Frehne (Prignitz) hat der Energiekonzern enviaM die Bürger an zwei Windrädern beteiligt - sie konnten sich mit Summen von 1000 bis 20000 Euro beteiligen. "Die Resonanz war riesig, wir konnten nicht alle Nachfragen bedienen", sagt Sprecher Stefan Buscher. Insgesamt 3,2 Millionen Euro kamen auf diesem Wege von 840 Bürgern zusammen. Den Anteilseignern werden Zinsen von bis zu sechs Prozent jährlich ausgezahlt. "Das werden wir auch bei künftigen Projekten anbieten", erklärt Buscher.

Während die Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern die Möglichkeit von finanziellen Beteiligungen oder Strompreisnachlässen für Bürger und Kommunen zur Pflicht für Investoren machen will, existiert in Brandenburg bislang nur ein Vorstoß des SPD-Landesvorstands, der ähnliche gesetzliche Grundlagen entwickeln will. Doch dies müsse noch mit dem Koalitionspartner diskutiert werden, sagt der energiepolitische Sprecher der SPD, Ralf Holzschuher. "Das in Schwerin entwickelte Modell lässt sich aber nicht eins zu eins auf Brandenburg übertragen", betont er. Ziel sei jedoch, klar erkennbare Verbesserungen für die Anwohner zu erreichen.

Grünen-Fraktionschef Axel Vogel bewertet Bürgerbeteiligungen jedoch nicht als idealen Weg, um die Akzeptanz für Erneuerbare Energien zu steigern. "Das wird im Osten keine große Rolle spielen, weil viele Leute sich die Anteile gar nicht leisten können", sagt er. Daher sei es sinnvoll, Kommunen beim Erwerb von Beteiligungen zu unterstützen, etwa mit Krediten des Landes. "Genauso ist es wichtig, dass endlich Steuern aus der Windkrafterzeugung fließen", betont Vogel.

Ähnlich argumentiert der Städte- und Gemeindebund. "Die ländlichen Orte werden sich die Anteile gar nicht leisten können", sagt Geschäftsführer Karl-Ludwig Böttcher. Er plädiert dafür, andere Modelle zu entwickeln. Eine Verpflichtung der Investoren sei jedoch rechtlich sehr schwer durchsetzbar. "Das wird rechtlich keinen Bestand haben", schätzt Böttcher ein.

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