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Schwieriger Neustart für Gefangene nach der Entlassung

Offene Gefängniszelle: Inhaftierte haben nach ihrer Entlassung oft große Schwierigkeiten, in den Alltag zurückzukehren. Mit Projekten soll im Land die soziale Integration erleichtert werden.
Offene Gefängniszelle: Inhaftierte haben nach ihrer Entlassung oft große Schwierigkeiten, in den Alltag zurückzukehren. Mit Projekten soll im Land die soziale Integration erleichtert werden. © Foto: picture alliance / dpa
Henning Kraudzun / 21.10.2015, 13:15 Uhr
Potsdam (MOZ) Viele Gefangene haben nach der Entlassung aus der Justizvollzugsanstalt große Schwierigkeiten, wieder Fuß zu fassen. Sozialarbeiter helfen bei der Suche nach einer Wohnung und einem Job. Doch die Integration wird aufgrund der Vorbehalte immer schwieriger.

Wenn Andrea Wetzlmaier erfolgreich sein will, dann muss sie überzeugend wirken, viele Klinken putzen und sich nicht abwimmeln lassen. Dabei ist sie keine Verkäuferin im Außendienst, sondern Sozialarbeiterin. "Wir wollen erreichen, dass man unseren Klienten eine zweite Chance gibt", sagt die Mitarbeiterin des Christlichen Jugenddorfwerks CJD in Perleberg (Prignitz). "Doch das ist schwer."

Wetzlmaier und ihre Kollegen betreuen Menschen, die um einen Neustart im Leben ringen, nachdem sie eine Freiheitsstrafe in der Justizvollzugsanstalt Neuruppin-Wulkow verbüßt haben. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis brauchen viele monatelange Unterstützung, um nicht wieder in die früheren kriminellen Kreise zurückzukehren. Mit dem Projekt "Haftvermeidung durch soziale Integration" (HSI) wird ihnen landesweit geholfen.

Doch allein die ersten Schritte nach jahrelanger Haft seien die schwierigsten, sagt Wetzlmaier. So haben ehemalige Häftlinge meist nur schlechte Chancen, eine Wohnung zu finden. Und eine neue Bleibe wiederum ist Voraussetzung, um bei der Job suche erfolgreich zu sein. Und nur unter diesen Voraussetzungen bestehen großen Chance, dass die Delinquenten nicht rückfällig werden. "Aber leider ist es oft so, dass die Leute lange Zeit ihren Stempel weghaben."

So erlebt die Sozialarbeiterin immer wieder, dass ehemalige Häftlinge selbst von kommunalen Wohnungsgesellschaften abgewiesen werden. "Die Vermittler sagen uns auch ganz offen: Die wollen wir nicht", berichtet Wetzlmaier. Zwar haben die Projektmitarbeiter einen Pool mit Vermietern aufgebaut, dennoch hagelt es immer wieder Absagen. Dabei ist der Bedarf groß: Von 140 Klienten, die jährlich im Rahmen des Projekts betreut werden, suchen 100 eine Wohnung.

Aber auch bei der Jobsuche gibt es nach ihren Erfahrungen große Hürden: "Wir müssen oft betteln, damit Haftentlassene überhaupt ein Praktikum bekommen", sagt Wetzlmaier. "Viele Arbeitgeber denken, sie würden dann zwangsläufig bestohlen."

Ähnliche Erfahrungen macht auch Cornelia Laake, Sozialarbeiterin im Humanitas e.V. Brandenburg/Havel, der ebenfalls ein entsprechendes Integrationsprojekt anbietet. "Der Wohnungsmarkt ist in den größeren Städten Brandenburgs schwieriger geworden", sagt sie. Für eine Wohnungsbewerbung könnten ihre Klienten keine Schufa-Auskunft vorlegen, wodurch sie häufig durch das Raster fallen. Ebenso gestaltet sich die Jobsuche für Häftlinge schwierig, da potenzielle Arbeitgeber öfters nach Vorstrafen fragen. "Ich rate dazu, offen mit dem Thema umzugehen", sagt Laake. "Denn das Risiko ist zu groß, dass diese unrühmliche Vergangenheit später doch noch herauskommt." Dabei kann sie auch positive Beispiele nennen: So hatte ein Firmenchef einem ihrer Klienten, der bei Vorstellung auch seine Zeit im Gefängnis nicht verschwieg, eine ehrliche Chance geboten und sicherte Vertraulichkeit zu.

Die Koordinatorin des landesweiten und von der EU geförderten HSI-Netzwerkes, Claudia Möller, appelliert an die Verantwortlichen, eigene Vorurteile zu überwinden. "Diese Menschen haben nach verbüßter Haft ein Recht, in die Gesellschaft integriert zu werden", meint sie. Mehrere kriminologische Studien hätten bewiesen, dass die Rückfallquote bei jenen ehemaligen Häftlingen gering sei, deren Leben neue Strukturen erhalten habe. Auch das brandenburgische Justizministerium spricht von einer "besonderen Herausforderung", straffällig gewordene Menschen mit Wohnraum zu versorgen. Hierzu wolle man mit Fachtagungen die Kooperation zwischen Kommunen, Vermietern und freien Trägern verbessern, sagt Sprecher Alexander Kitterer.

Der Landesverband der Wohnungsunternehmen verweist indes auf "übliche Formalitäten", die von Vermietern verlangt würden. "Dazu zählen Schufa-Auskunft, Gehaltsnachweise und Mietschuldenfreiheit", sagt Sprecher David Eberhart. Allerdings werde von professionellen Vermietern nicht gefragt, ob ein Bewerber eine Haftstrafe verbüßt habe. "Wenn die Voraussetzungen stimmen, hat jeder die gleichen Chancen."

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