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Politthriller in polnischem Grenzort Slubice

Dietrich Schröder / 01.07.2016, 20:12 Uhr
Slubice (MOZ) In der Nachbarstadt von Frankfurt (Oder) spielt sich seit Monaten ein politisches Duell um das Landratsamt ab, das die derzeitige politische Spaltung Polens im Kleinen widerspiegelt. Als der Streit am Freitag eskaliert, muss die Polizei einschreiten.

Die Szenerie könnte einem Politthriller entstammen: Am Freitagmorgen kurz nach fünf Uhr dringt der 51-jährige Marcin Jablonski mit drei Anhängern und sechs Wachschutzleuten in das Landratsamt von Slubice ein. Doch Jablonskis Konkurrent Piotr Luczynski, der das Amt des Landrats ebenfalls für sich beansprucht, ist schon seit vier Uhr morgens da. Er wird mit Gewalt aus dem Gebäude geworfen. Seine dabei erlittenen Beulen und Schrammen wird er später den Journalisten zeigen.

Schlimmer noch ergeht es einer Abgeordneten des Kreistags, die zu den Anhängern Luczynskis zählt. "Zuerst wurde sie von Jablonskis Leuten als Geisel genommen. Als sie dann wegrannte, ist sie auf der Treppe gestürzt und erlitt schwere Kopfverletzungen", behauptet Luczynski.

Dieser alarmiert nicht nur einen Rettungswagen, sondern auch die Polizei. Letztere riegelt das Gebäude ab, sodass alle Mitarbeiter der Kreisverwaltung bei Arbeitsbeginn vor verschlossenen Türen stehen. Außerdem beginnen stundenlange Verhandlungen mit Jablonski, den die Beamten schließlich zur Polizeidienststelle mitnehmen.

Was auf den ersten Blick wie eine Provinzposse ausschaut, hat in Wirklichkeit Verbindungen bis in höchste politische Kreise Polens. Denn der 51-jährige Marcin Jablonski war vor zwei Jahren noch Vize-Innenminister Polens. Er gilt zudem als enger Vertrauter von Grzegorz Schetyna, dem Vorsitzenden der Partei "Bürgerplattform", die das Nachbarland bis zum vergangenen Herbst regierte.

Luczynski dagegen ist zwar offiziell parteilos. Er hat aber bei einer früheren Parlamentswahl erfolglos für die inzwischen regierende Partei "Recht und Gerechtigkeit" von Jaroslaw Kaczynski kandidiert.

Im März dieses Jahres war Jablonski, der zuvor auch schon Vizebürgermeister von Slubice war, von einer Mehrheit des Kreistags überraschend zum Landrat gewählt worden. Doch weder der bis dahin amtierende Landrat Piotr Luczynski noch der von der neuen Regierung eingesetzte Wojewode Wladyslaw Dajczak erkannten diese Wahl an. Zur Begründung wurden formale Fehler angeführt.

Seither tobt ein erbitterter Rechtsstreit. Am Donnerstagabend war Luczynski plötzlich mit einem Schreiben des Warschauer Innenministeriums im Amt erschienen, das ihn als Landrat des Kreises bestätigte. In der Nacht zum Freitag versuchten dann beide, als jeweils Erster vor Ort zu sein.

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