Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Polnischer Spediteur identifiziert Toten als seinen Fahrer / GPS meldete Bewegungen des Lasters

Anschlag in Berlin: Einen Tag zu früh

Ariel Zurawski (C)
Ariel Zurawski (C) © Foto: dpa
Joanna Stolarek / 20.12.2016, 17:52 Uhr - Aktualisiert 20.12.2016, 21:46
Berlin (MOZ) Der Lastwagen, der für den Terroranschlag in Berlin genutzt wurde, gehörte einer polnischen Speditionsfirma. Im Führerhaus auf dem Beifahrersitz wurde ein Leichnam gefunden. Es war der Fahrer, der von dem Täter entführt und getötet worden war.

Zu drastisch waren die Bilder, die Ariel Zurawski zu sehen bekam. Mit zitternder Stimme erzählt er davon den Reportern der polnischen Medien. Zuzanna, die Frau von Lukasz U., dem Fahrer des Lkw, der für den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt genutzt wurde, war nicht imstande, sich diese anzusehen und ihren getöteten Mann zu identifizieren. Das übernahm sein Cousin und zugleich sein Chef. Ihm gehört das Speditionsunternehmen aus dem kleinen Ort Sobiemysl bei Gryfino, unweit von Stettin gelegen, direkt an der deutsch-polnischen Grenze. "Mein Fahrer ist tot", bestätigte er. Er erkannte den 37-Jährigen auf den Fotos, die die Berliner Polizei geschickt hatte und die er in der Polizeidienststelle in Gryfino zur Ansicht bekam.

Auf dem Bild will er Kampfspuren erkannt haben, das Gesicht von Lukasz war aufgeschwollen und blutig. "Schnittwunden und blaue Flecken", so Zurawski. Dass sein Cousin erschossen wurde, erfuhr er erst später. "Er wurde richtig zugerichtet", sagte Zurawski dem Radiosender RMF24. Auch die Polizei soll ihm bestätigt haben, dass es ein Handgemenge gab. Der Mann vermutet, dass es mehr als einen Täter gab. "Lukasz war 1,80 groß und wog 120 Kilogramm, ein Mensch hätte ihn nicht so leicht überwältigen können", sagte er.

Lukasz U., Vater eines 17-jährigen Sohnes, arbeitete seit mehreren Jahren als Lkw-Fahrer. Er wird als zuverlässig, ruhig und gewissenhaft beschrieben. Seit eineinhalb Wochen war er unterwegs, wollte nach Hause. Am Dienstag sollte er die letzte Fahrt vor Weihnachten nach Dänemark machen. Der 37-Jährige rief seinen Chef noch an und fragte, ob er es bis Donnerstagabend wohl zurück schaffe, um seiner Frau noch ein Weihnachtsgeschenk besorgen zu können.

Der Laster, der ein halbes Jahr alt war, transportierte Stahlkonstruktionen, etwa 25 Tonnen, von einem Ort in der Nähe von Turin in Italien nach Berlin. Der Pole kam am Montagmorgen um 7 Uhr, einen Tag früher als ursprünglich vereinbart, an seinem Ziel an: der Firma Thyssen Krupp Schulte am Weddinger Friedrich-Krause-Ufer. Seinen Lkw wollte man daraufhin nicht entladen und bat ihn, dass er am nächsten Tag kommen solle, berichtet Zurawski.

Der Fahrer parkte seinen Wagen an der Straße gegenüber dem Firmengelände. Und versuchte immer wieder nachzufragen und seine Ladung loszuwerden. Das Unternehmen sah aber keine Möglichkeit, die Ware früher als geplant auszuladen. Das bestätigt auch die Sprecherin von Thyssen Krupp, Kerstin Göcke.

Lukasz meldete sich gegen Mittag bei seinem Chef und schilderte ihm etwas verärgert die Situation. "Er sagte, die Gegend sei seltsam, es gebe dort kaum Deutsche, außer denen im Büro, ansonsten nur Muslime", so Zurawski in einem Interview mit dem Fernsehsender TVN24. Danach ging sich der Fahrer einen Döner holen. Aufnahmen der Überwachungskamera bestätigen es. Den letzten Kontakt gab es gegen 15 Uhr. Da telefonierte er kurz mit seiner Frau, sie wollte sich später melden, erreichte ihn aber nicht mehr.

40 Minuten später meldete das GPS-Ortungssystem, dass der Lkw bewegt wird - alle zehn Minuten sendet das System Informationen, wo das Auto sich befindet und wohin es fährt. Diese Daten wurden bereits von der Polizei gesichert.

Zu sehen ist, dass der Lkw vor und zurück fuhr. "Das kam mir komisch vor, als ich es bemerkt habe. Als ob jemand lernen wollte, ihn zu lenken", mutmaßt Zurawski. Das sei an sich leicht gewesen, das Auto hat ein Automatikgetriebe, es reiche, die Handbremse zu lösen, meint er. Dieses Manövrieren dauerte einige Minuten, danach blieb der Wagen bis 19.40 Uhr stehen.

"Die ersten Informationen, die ich erhielt, waren, mein Lkw fährt in Berlin rum", so der Speditionschef. Der Fahrer, der als sehr regeltreu galt und den Spitznamen "Inspektor" (Inspekteur) hatte, hätte den Wagen nie nach der langen Fahrt bewegt. "Nicht mal fünf Minuten der erlaubten Zeit hätte er überschritten", meint Zurawski. "Da wusste ich, etwas Schlimmes ist passiert." Zunächst vermutete er, der Wagen sei wegen der Ladung gestohlen worden. "Wer aber würde was mit dem Stahl anfangen wollen?"

Gegen 19.45 Uhr habe der 40-Tonnen-Laster seinen Standort endgültig verlassen. Nach knappen zehn Kilometern Fahrt raste er in den Weihnachtsmarkt. "Und es ist passiert, was passiert ist", sagt Zurawski, der seine Firma 2005 mit einem kleinen Transporter gegründet hat. Später ging er eine Kooperation mit dem Logistikriesen DHL ein. Mittlerweile besitzt der Geschäftsmann mehrere Lkw, von 3,5 bis 40 Tonnen, und transportiert Ware in ganz Europa, vor allem in Italien, Deutschland, Schweden und Dänemark.

Zurzeit seien fünf seiner Fahrer in Deutschland unterwegs. Ein mulmiges Gefühl hätten sie schon. Zumal es immer wieder zu Übergriffen auf Lkw-Fahrer auf abgelegenen Parkplätzen kommt. "Aber doch nicht mitten am Tag, mitten in Berlin", empört sich Zurawski. Und richtet einen Appell an deutsche Firmen, sie mögen die polnischen Speditionen und die Fahrer besser behandeln. "Es wäre nicht passiert, hätte das Unternehmen den Wagen entladen", sagt er auf TVN24. Auf dem Firmengelände sei wenig Betrieb gewesen. "Lukasz war nur 150 Kilometer von seinem Zuhause entfernt. Und es ist Vorweihnachtszeit." Zurawski selber wurde direkt nach dem Anschlag auf der Facebook-Seite seiner Firma als Terrorist beschimpft und bedroht, weil es sein Lastwagen war: "Es hätte auch ein anderer Lkw sein können", sagt er.

Stichwort XXXXXXXX


■ 1 23456789
■ 10123456789
■ 20

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG