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Die Kreuzberger Mischung brodelt

idreyer / 23.05.2017, 14:30 Uhr
Berlin (MOZ) Kreuzberg verändert sich. Der Mix aus Kreativität und Internationalität lockt auch Investoren an. Die Initiative "Lause bleibt" will verhindern, dass in einem ehemaligen Fabrikkomplex günstige Ateliers, Wohnungen und Büros in luxuriöse Lofts umgewandelt werden.

Von Inga Dreyer

Berlin (dpa) Eigentlich hätten sie ganz freundlich ausgesehen, die Menschen, die da eines Tages durch die langen Flure der ehemaligen Fabriketage spazierten, erzählt die Autorin Bini Adamczak. Das sei so um Weihnachten herum gewesen, "als wir hier gerade eine Lampe angebracht haben", ergänzt der Journalist Jan Ole Arps.

Mit anderen teilen sich die beiden ein Büroabteil. Vom Gang aus kann man sie durch die Fensterscheiben über ihren Computern brüten sehen. Erst viel später sei ihnen einen Licht aufgegangen: Die Besucher waren wohl Interessenten, denn die beiden Häuser an der Lausitzer Straße 10 und 11 sollten verkauft werden. Für fast 20 Millionen Euro, wie ein Exposé des Maklerbüros Engel & Völkers verriet. Die Mieter stellten fest, dass ihre Verträge Ende 2017 auslaufen. "Bis der Schreck richtig durchsickerte, hat es ein bisschen gedauert", sagt Arps, der für die linke Debattenzeitung Analyse & Kritik arbeitet.

Das Exposé offenbarte auch, dass die Gewerbeflächen des Loftgebäudes in Wohnraum umgewandelt werden sollten. Derzeit beherbergen sie Ateliers, Büros von Medienmachern und politische Einrichtungen wie das Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin - kurz apabiz -, das die Tätigkeiten von Neonazis beobachtet, und das Bildarchiv "Umbruch", das Fotos sozialer und politischer Bewegungen sammelt.

Designer, Autoren, Filmemacher - als "kreatives Prekariat" bezeichnet Alexandra Klobouk all diese Menschen, die auf günstige Mieten angewiesen seien.Die Illustratorin und Autorin ist erfolgreich, hat schon mehrere Bücher illustriert - aber eine goldene Nase verdient man sich in dem Job nicht. Um die 100 Euro zahlen manche Mieter in der "Lause" pro Monat für einen Schreibtisch. Wo gibt es das sonst - mitten in Berlin?

Die Abendsonne scheint durch die großen Fenster des Ateliers auf Alexandra Klobouks Tusche-Zeichnungen. Kein Wunder, dass sie sich hier wohl fühlt. "Dafür fällt im Winter die Heizung aus. Das Haus ist in einem relativ räudigen Zustand", erzählt sie.

Laut Informationen des RBB hat der dänische Investor Jørn Tækker die Gebäude für etwa drei Millionen Euro vom Land Berlin gekauft - und nach Aussagen von Mietern kaum etwas daran gemacht. "Klar, das ist ein Spekulationsobjekt", sagt Klobouk. "Der Hackesche Markt Kreuzbergs" solle daraus werden.

Um das zu verhindern, haben im Bündnis "Lause bleibt" ganz unterschiedliche Menschen zusammengefunden: Vom älteren Punk mit Hausbesetzer-Erfahrung bis zum politisch eher unbeleckten Hipster.

Dass Gebäude teuer und aufwändig saniert werden, passiert überall. Gegenüber Mietern, die den Verlust ihrer Wohnung stillschweigend verschmerzen, ist die "Lause" jedoch im Vorteil. Dort arbeiten Menschen, die seit Jahrzehnten in politischen Kämpfen erprobt sind - oder die "irgendwas mit Medien machen". "Alles, was man so braucht", kommentiert Bini Adamczak.

Charmant und kreativ soll ihr Protest sein. Mit einem Korb voller Geschenke sind Mieter zu Tækkers Büro gepilgert - um zu zeigen, was in den Häusern alles passiert. Eine Designern, die auch Kostüme für Lady Gaga schneidert, habe einen Stoffrest von einem Kleid für Britney Spears beigesteuert, erzählt Alexandra Klobouk. Etwas Glamour im Kampf um den Kiez.

Vertreter von "Lause bleibt" haben sich mit Jørn Tækker getroffen. Und sie versuchen, Aufmerksamkeit zu erregen - zum Beispiel mit einem Hoffest.

Inzwischen bietet der Investor die Gebäude nicht mehr im Internet mehr zum Kauf an. Im April stand sein Immobilienkonzern erneut in der Kritik, weil er laut Medienabgaben 770 Wohnungen an eine britische Firma verkauft hat. Dabei habe es sich um einen "Share Deal" gehandelt, schreibt das Neue Deutschland. Dabei seien nicht die Immobilien selbst, sondern Anteile der Firma verkauft worden, sodass dem Land die Grunderwerbssteuer durch die Lappen gegangen sei. Die Häuser an der Lausitzer Straße 10 und 11 waren nicht Teil des Deals.

Wie es dort weitergeht, ist unklar. Die Fragen dieser Zeitung lässt Jørn Tækker unkommentiert - mit Verweis auf laufende Verhandlungen mit den Mietern und dem Bezirk. Das bestätigt Florian Schmidt (Grüne), Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg. "Aktuell konstituiert sich eine Arbeitsgruppe aus Bezirksamt, Mieterbeirat, potentiellen Käufern und Politik, um ein Konzept zu erarbeiten." Verhandlungen mit Tækker seien für Ende Juni geplant. Schmidt wolle den Investor außerdem mit landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften zusammenbringen, um über eine mögliche Kommunalisierung von anderen Gebäuden zu sprechen.

Ziel des Bezirksstadtrates: Möglichst viele Gebäude in kommunale oder gemeinwohlorientierte private Hände übergeben. "So können Wohnungen dauerhaft bezahlbar bleiben."

Es scheint, als gehe die Attraktivität Kreuzbergs vielen Bewohnern langsam auf den Keks. Gegen Projekte wie den von Google geplanten "Campus" im früheren Umspannwerk an der Ohlauer Straße formiert sich Widerstand. Und in Häusern wie der "Lause" organisiert sich eine Spezies, die sich vom Aussterben bedroht fühlt - "die berühmte Kreuzberger Mischung."

Mit der werben auch Investoren wie Tækker. Auf seiner Webseite wird die Diversität Berlins gerühmt, die von "Curry 36" bis zur Sterne-Küche und von der Philharmonie bis zu illegalen Clubs und Techno-Partys reiche.

Diese Vielfalt steht laut den Aktivisten auf dem Spiel. "Uns geht es schon auch um die günstigen Arbeitsplätze", räumt Jan Ole Arps ein. Er verkauft den Protest nicht als uneigennützig. Aber das Anliegen gehe über die eigenen Befindlichkeiten hinaus. Durch Luxuslofts verändere sich der Kiez, sagt Bini Adamczak: andere Autos, andere Geschäfte, andere Cafés. Die Lause ist ein Symbol geworden. "Wir stehen unter Beobachtung der Kreuzberger Öffentlichkeit."

Es gehe darum, zu zeigen, dass Mieter nicht nur Zahlen sind. Adamczak argumentiert mit einem Lebensstil, den es zu bewahren gelte: gemeinsam arbeiten und gemeinsam leben.

Die Aktivisten von "Lause bleibt" überlegen, wie sie das Haus nutzen möchten. Jørn Tækker habe signalisiert, dass er an die Mieter verkaufen würde, sagt Alexandra Klobouk. Das Problem: die 20 Millionen. Für die Mieter eine illusorische Summe.

Langsam wird es dunkel, Schreibtische und Flure in dem Industriekomplex leeren sich. Bei Bini Adamczak und Jan Ole Arps geht die kürzlich reparierte Lampe an. Ihr Büro sieht jetzt aus wie ein im Dunkeln leuchtendes Zugabteil. Wohin ihre Reise geht, ist noch ungewiss.

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