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Gartenensemble
Geheimtipp Winzerberg

Blick auf den lange Zeit verschmähten Winzerberg in Potsdam
Blick auf den lange Zeit verschmähten Winzerberg in Potsdam © Foto: MOZ
Ulrich Thiessen / 29.09.2017, 22:00 Uhr - Aktualisiert 29.09.2017, 22:12
Potsdam (MOZ) Friedrich II. ließ drei Weinberge in Potsdam anlegen: die Terrassen von Sanssouci, den Obstgarten am Klausberg und den Winzerberg. Letzterer verdankt seine Wiederauferstehung ehrenamtlichem Engagement und entwickelt sich allmählich zu einem Bürgergarten.

Der Alte Fritz war ein knausriger Bauherr. Als er den Befehl zur Errichtung des Winzerberges erteilte, flog der erste Architekt raus, weil er zu teuer plante. Der zweite versprach billige Lösungen bis die erste Stützmauer einstürzte.

Friedrich Wilhelm IV. ließ das Gelände am Anfang der Hauptallee von Sanssouci umbauen und ein Winzerhaus mit königlichem Teesalon errichten. Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Berg ausgehöhlt und als Luftschutzbunker genutzt. Danach geschah nichts mehr.

Roland Schulze, Inhaber einer Baudenkmalfirma, hatte in den 1990er-Jahren einen Verein gegründet, der eine zerstörte Kirche in Potsdam-Babelsberg wieder aufgebaut hatte. Als sie fertig war, suchte der Verein ein neues Betätigungsfeld. Der Winzerberg hinter einem prächtigen Triumphtor mit Terrakottaverkleidung galt als romantisch zugewachsener Ruinenhaufen. Bauzeichnungen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zeigten, dass es keine soliden Fundamente gab - also keine Chance auf Rettung.

Der Bauverein Winzerberg rund um Schulze untersuchte die Fundamente: die Zeichnung war falsch, die Mauern hatten solide tragfähige Gründungen. Damit konnte der Wiederaufbau der vier Terrassenmauern in Angriff genommen werden. 1400 Helfer waren in den vergangenen Jahren dabei eingebunden. Acht Diplomarbeiten wurden an der Potsdamer Fachhochschule in Auftrag gegeben.

Über die Kosten schweigt der Verein lieber: "Es waren Millionen", sagt Schulze. Hätte der Verein sie zu Beginn genau kalkuliert, wäre man wohl davor zurückgeschreckt. Allein die 5000 Glasscheiben, hinter denen der Wein wachsen soll, kosten 250 000 Euro. Für 4500 gingen schon Spenden ein. Im kommenden Jahr beginnt der Einbau des Glases mit den gravierten Spendernamen.

Als die Bauarbeiten voranschritten, fragte die Schlösserstiftung, der das Gelände gehört nach, ob der Verein nicht die Bepflanzung und Pflege übernehmen wolle. In der Stiftung fehlt schon jetzt das Geld für die Gartenpflege. Als der Verein sich zur Übernahme der Aufgabe entschloss, schlug die Stunde von Monika Lange. "Wir hatten die Idee, Wein anzubauen, zu keltern und ihn auf den Terrassen zu trinken", berichtet sie. Dann kam der Termin in der Schlösserstiftung und die Ernüchterung. Auf dem Winzerberg wurden nur Tafeltrauben für den König angebaut, der Wein wurde importiert.

Inzwischen wachsen wieder 30 verschiedene historische Traubensorten auf dem Winzerberg. Einige an den noch nicht verglasten Mauern, die widerstandsfähigeren an Pergolen. Ein Teil wird grün geerntet und zu Vertjus, einem milden Essig, verarbeitet. Es gibt Federweißen und Traubengelee. Auf den breiten Terrassen sind auch erste Gemüsebeete angelegt, wie zu Königs Zeiten. Der Verein träumt davon, in den nächsten Jahren auf der Parterrefläche vor dem Berg einen Bürgergarten anzulegen, in dem Potsdamer eigenes Gemüse ziehen können.

Montagabend, wenn die freiwilligen Helfer ihre Gartenarbeit beendet haben, sitzt man noch zusammen, isst und trinkt. Dabei kam die Idee für die Bacchus-Stunde, berichtet Monika Lange. Seitdem ist im Sommer an zwei Abenden die Anlage geöffnet. Man betritt sie durch das Triumphtor, kauft an einem Kiosk kleine Köstlichkeiten und (französischen) Wein und begibt sich auf die Terrassen. Auf Bänken oder Liegestühlen hat man einen wundervollen Blick durch Weinranken auf die Stadt. Sanssouci? Kann man getrost den Touristen überlassen. "Wir sind ein Geheimtipp und wollen es bleiben", sagt die Vize-Vereinschefin. Schließlich wird alles ehrenamtlich betrieben und soll den Mitgliedern und den Gästen Spaß machen.

www.winzerberg-potsdam.de

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