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An der Charité erzählen Bildergeschichten vom Leben mit schweren Krankheiten

Charitè
Comics als Selbsttherapie

Stef Lenk litt vor zwei Jahren an starken Depressionen. In ihrer Zeichnung „Erste Kindsbewegungen“ geht es um die mögliche Übertragung einer psychischen Erkrankung von der Mutter auf das Kind. Ein Versuch der Kreuzbergerin, ihre Krankheit zu verarbeiten.
Stef Lenk litt vor zwei Jahren an starken Depressionen. In ihrer Zeichnung „Erste Kindsbewegungen“ geht es um die mögliche Übertragung einer psychischen Erkrankung von der Mutter auf das Kind. Ein Versuch der Kreuzbergerin, ihre Krankheit zu verarbeiten. © Foto: MOZ
Maria Neuendorff / 27.10.2017, 20:25 Uhr
Berlin (MOZ) Sie haben Depressionen, Burnout oder Morbus Crohn: Den Protagonisten der Comics in einer neuen Ausstellung der Charité ist gar nicht zum Lachen. Stattdessen versuchen sie, mit den Zeichnungen ihre Leiden zu verarbeiten.

Manchmal braucht es nicht mal einen Auslöser. Dann ist es trotzdem wieder da. Dieses Gefühl, dass alles sinnlos ist. Woher es kommt, weiß Stef Lenk nicht. Sie hat nur die Vermutung, dass sie die Depression von ihrer Mutter geerbt haben könnte. Und so ringt das Baby auf ihrem Comic mit der Plazenta, um gegen diese genetische Beigabe anzukämpfen.

Die wortlose Erzählung ist eines von insgesamt zehn Comics, die seit Freitag im Medizinhistorischen Museum der Charité zu sehen sind. Während die Embryonen, Nierensteine und Herzkranzgefäße in den Vitrinen daneben anonym bleiben, erzählen die Zeichnungen ganz persönliche, teils drastische Geschichten vom Kranksein. "Comics sind schon lange kein Kinderkram mehr", sagt Kuratorin Uta Kornmeier. Spätestens seit der Holocaust-Erzählung "Maus" sei das Genre erwachsen geworden und hätte bewiesen, dass es auch ernste Themen transportieren könne.

Und so berichten die Bildergeschichten von Protagonisten aus verschiedenen Ländern von Leiden, Scham und Ausgrenzung. Teilweise drastisch. So berichtet der Australier Safdar Ahmed von seiner "Schlacht" mit der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn. In dem Comic mit zum Teil anatomischen Zeichnungen wird sein künstlicher Darmausgang zum übellaunigen Begleiter, der dem Kranken droht, ihn beim Date mit Geräuschen und unfreiwilligen Ausscheidungen zu blamieren.

Doch auch die ungewollte Kinderlosigkeit spielt in zwei Geschichten eine Rolle. "Zerbrochene Eier" (Emily Steinberg/USA) handelt von den Sehnsüchten und zerplatzten Hoffnungen einer Frau während ihrer Kinderwunschbehandlung. Die Zeichnungen mit Tusche und Wachskreide erinnern zum Teil an alte Gemälde und spielen ironisch auf die gesellschaftliche Vorstellung von "erfolgreicher Weiblichkeit" an. Nach monatelangen medizinischen Eingriffen verwandelt sich die Protagonistin langsam in ein Meerschweinchen aus dem Versuchslabor.

Eine sehr klare Linie zeichnet dagegen Christoph Geiger aus Deutschland. In seinem Comic "Weiterarbeiten" kann der Betrachter mitansehen, wie der an Burnout erkrankte Zeichner sich nach und nach selbst einmauert und sich so in die soziale Isolation begibt.

Doch auch die andere Seite wird beleuchtet. Mehrere Comics erzählen die Geschichte aus der Sicht von pflegenden Angehörigen. Besonders anrührend dabei die Momentaufnahme aus dem Leben einer Tochter mit ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter. Während einer gemeinsamen Autofahrt bezeichnet die sonst abwesend wirkende Mutter plötzlich eine Straßentaube als "Wolkenwächter". Ein poetisches Bild, das auch die Tochter für einen Moment aus ihrem mühsamen Alltag herausholt. Weil sie sich darauf einlässt, schafft sie es, eine emotionale Verbindung zur Mutter herzustellen.

"Es geht auch darum, die kleinen positiven Momente herauszupicken, groß zu machen und damit neue Geschichten zu entwickeln", erklärt Stef Lenk. Die 44-jährige gebürtige Kanadierin, die seit 2010 in Kreuzberg lebt, ist inzwischen Mitglied eines bundesweiten PathoGraphics-Forschungsteams. Das will ergründen, wie das noch neue Genre der "Graphic Medicine" als Erzähltherapie angewendet werden kann. Stef Lenk, die vor zwei Jahren in ein tiefes seelisches Loch fiel, kann ihre eigenen Erfahrungen einfließen lassen. In ihrem Geburts-Comic verwandelt sich die Nabelschnur in einen Zeichenstift. Ein Sinnbild für das künstlerische Talent, das Lenk ebenfalls von der Mutter geerbt hat. Und mit dem sie nun gegen die Depressionen ankämpft.

"SICK! Kranksein im Comic", bis 4. März 2018, Medizinhistorisches Museum, Charitéplatz 1, Di., Do., Fr., So 10-17; Mi., Sa. 10-19 Uhr. Eintritt neun, ermäßigt vier Euro

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