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Warum in Wulkow ein Podcast über das Leben im Gefängnis entsteht

Leben im Gefängnis
Das Schicksal der anderen

Knut Elstermann im Gespräch mit den teilnehmenden Gefangenen
Knut Elstermann im Gespräch mit den teilnehmenden Gefangenen © Foto: MOZ/Dietmar Stehr
Dietmar Stehr / 17.11.2017, 07:30 Uhr
Wulkow (MOZ) Ob Hollywood-Stars oder Größen des europäischen Filmgeschäfts: "Kino King" Knut Elstermann hat sie alle vor seinem Mikrofon gehabt. Diese Woche tauschte er aber Glamour und Roten Teppich gegen schwere Stahltüren und vergitterte Fenster ein - einem Grimme-Preisträger sei dank.

Tatort Justizvollzugsanstalt Wulkow. Die Begriffe "Freizeit" und "Bildung" prangen an einem der Gebäude, die um den Gefängnishof herum gruppiert sind. Hier geht Psychologe Marcus Melzer normalerweise seiner Arbeit nach. Heute hält sich der Leiter des auch für Behandlung und Eingliederung zuständigen Bereichs aber im Hintergrund.

In einem schmucklosen Raum, der früher dem Unterricht jugendlicher Insassen diente, wird bereits rege diskutiert. Mit einem Mikrofon in der Hand sitzt Knut Elstermann einem Häftling gegenüber. Aufgezeichnet wird das Gespräch aber nicht, auch wenn es - wie der Interview-Fachmann befindet - so hätte über den Äther gehen können.

Wie zur Bestätigung klatscht Daniel Abma. Der gebürtige Niederländer und Medienpädagoge hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen als Dokumentarfilmer gemacht. 2012 drehte er "Nach Wriezen". In dem Streifen werden drei straffällig gewordene junge Männer ab dem Tag ihrer Entlassung aus dem Gefängnis auf dem schwierigen Weg der Resozialisierung begleitet. 2015 gab es dafür, nach mehreren anderen Auszeichnungen, den Grimme-Preis.

Seit dem 10.Oktober ist der Filmemacher gemeinsam mit der Medienpädagogin Kirsten Mohri jeden Dienstag im Wulkower Gefängnis zugange. Ihr Auftrag: mit Häftlingen binnen zehn Wochen einen 60- bis 90-minütigen Podcast zu erstellen. Im Stile einer Radiosendung soll es ungefilterte Einblicke in das Leben hinter Gefängnismauern geben. Die Teilnahme daran ist freiwillig. So fand sich eine bis zu achtköpfige Gruppe aus Straf- und Untersuchungshäftlingen, die sich den Namen "Ruppich" gab. Als Thema für die derzeit entstehende und zum Jahresende im Internet verfügbare Sendung suchten sich die Männer "Beziehungen" aus.

Dabei geht es direkt ans Eingemachte: um eine Hochzeit hinter Gittern. Oder darum, wie den eigenen Kindern vorgeschwindelt wird, der Papa liegt auf der Intensivstation im Krankenhaus und könne nicht besucht werden. Schuld und Scham kommen zur Sprache, Liebe und Lebensziele. Und die Angst, die Wahrheit zu sagen übers Drogendealen, eigene Gewalttaten oder das Klauen. "Es geht sehr nahe, das Schicksal der anderen zu hören", sagt Knut Elstermann, dessen Aufgabe es ist, den Podcast-Novizen drei Stunden lang Tipps zur Gesprächsführung zu geben. Die Interviews führen die Gefangenen selbst. "Was wissen wir denn schon über das Leben hinter Gittern?" Beeindruckt zeigt sich der von Abma angeworbene Radiomann von der reflektierten Haltung der Wulkower Insassen. Es sei "schön, dass sie sich überhaupt nicht verstellen".

Auch Daniel Abma, ein hoch gewachsener Schlacks mit jungenhaftem Blick, ist sichtlich begeistert von seinem derzeitigen Projekt. Er hofft dringend auf eine Fortsetzung im nächsten Jahr. Dann könnte "Arbeit" im Mittelpunkt des Podcasts stehen. An weiteren Themen fehle es nicht. "Enorm viele Vorschläge" seien von den "Ruppich"-Mitgliedern gekommen.

Das Knastradio ist Teil der Neuausrichtung des Strafvollzugs in Brandenburg. Als niederschwelliges Angebot zur Stärkung der Medienkompetenz gedacht, zeigt sich Psychologe Marcus Melzer "überrascht von der Dynamik" des Projektes. Die Gefangenen, so sagt er, offenbarten ganz neue Seiten. "Die, von denen man es am wenigsten erwartet, öffnen sich so stark, dass sie andere mitziehen." Was früher eine klassische Gefangenenzeitung leistete, werde mittels Podcast auf eine ganz andere Ebene gehoben. Plötzlich zähle es, wenn einer Gitarre spielen und komponieren kann. Hinzu kämen Akzeptanz und emotionaler Austausch. Dafür lohne es durchaus, zum Beispiel darum zu kämpfen, dass die Insassen auch mal ein Aufnahmegerät mit in ihren Haftraum nehmen dürfen.

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